Bühne

Psycho-Endspiel mit zwei Damen und einem Erpel

Helmut Baumann inszeniert "Paradiso" mit starker Hand

Weiser Ratschlag: Rechtzeitig das Ende bedenken. Denn die Uhr tickt unaufhörlich, und auf einen gnädigen Tod im Tiefschlaf ist kein Verlass. Doch statt Vorsorge zu treffen fürs womöglich elende Verlöschen, klammert man sich an den gewohnten Zustand, (vermeintlich) weit entfernt vom Schluss. Wie Martha, Mitte 70, wohlsituierte Ex-Schuldirektorin, altsprachlich, lebenslang alleinstehend und mit entsprechend elitären Macken. Sie ist die faszinierende Hauptfigur in dem äußerst sarkastischen und zugleich tief menschlichen Endspielstück "Paradiso" der Wiener Autorin Linda Winiewicz.

Eine dominante Dame also, stur, leicht altbacken und stets wissend, was sie will. Auf ihrer Bank im Park am See (das Romantik-Bühnenbild in der Kudamm-Komödie: Anja Wegener), wo sie Enten füttert und ihrem Lieblingserpel "mit dem schönen grünen Schwanz" auch auf Lateinisch zuspricht, dort trifft Martha (Christine Ostermayer) auf die 30 Jahre jüngere Vicky (Hansi Jochmann), eine unbemannte Ex-Krankenschwester, die sich als Versicherungstante über Wasser hält. Martha liest Vergil im Original und Schillers Balladen. Vicky strickt. Der groteske Kontrast zwischen herrisch allwissender Oberlehrerin und ruppig verbitterter Strickliesel sorgt für äußerst bissige, gelegentlich schwer krachige Duelle - auf den Mund sind beide nicht gefallen. Doch allmählich findet das auf vertrackte Art liebenswürdige Gegensatzpaar zueinander - schon aufgrund ihrer Psychoschlachten. Die eigensinnig-einsamen Knurrhühner machen sich's schön zu zweit in der WG. Mittlerweile kann die eine nicht mehr ohne die andere. Auch, weil Martha mit Konto-Hochstand die Dienstleistungen von Vicky mit ewigem Konto-Notstand braucht. So haben sie ein kleines spätes Glück. Bis das Schicksal zuschlägt: Martha wird krank und kriegt die große Angst, dass Vicky sie verlässt. Denn ins Altenheim Paradiso - niemals!! Wir verraten nicht, wie die Sache ausgeht. Nur so viel: Der Schluss ist von geradezu shakespeareschem Format. Regisseur Helmut Baumann (endlich wieder in Berlin!) inszeniert die deutsche Erstaufführung des tragikomischen Zweiers so gefühlvoll wie nötig und so nüchtern wie möglich. Bittere Daseinswahrheiten, geschliffene Lebensweisheiten, Zynismus nicht ausgespart, und gelegentlich ein wenig Süße. Man hat einiges zu Lachen und sehr viel zum Nachdenken.

Diese durchaus leidvolle, doch von Seniorentümelei und Wehleidigkeit völlig freie Aufführung ist quasi die Ergänzung zum gegenwärtig laufenden Film über eine ziemlich verrückte Alters-WG "Und wenn wir alle zusammenziehen?". Und wie im Kino auch am Kudamm tolle Darsteller. Ein klasse Coup ist, Christine Ostermayer endlich auf die Bühne zurückgeholt zu haben. Dazu die moppelig Urberliner Kodderschnauze Hansi Jochmann. Das Kontrastprogramm zur ladylike hoch gefassten Frau Dr. Bildungsbürgerin. - Ein grandioser theatralischer Zusammenknall. Ein wunderbares Zusammenspiel. Standing ovations.

Komödie, Kurfürstendamm 209, Charlottenburg. Bis 3. Juni. Tel. 8859 1188.