"Das letzte Testament der Heiligen Schrift"

Der Messias liebt in New York

US-Autor James Frey macht aus der Bibel einen sehr modernen Roman

"Ach, wissen Sie", sagt der Autor James Frey am Ende eines fast zweistündigen Gesprächs über Gott, die Liebe und den Tod, "ich würde lieber meinen ganzen Körper mit Batteriesäure verätzen lassen, wenn dafür mein Sohn noch leben würde."

Freys zweiter Sohn aber ist elf Tage nach seiner Geburt an einem Muskelschwund der Wirbelsäule gestorben, im Juli 2008. Er hatte ihn Leo Siddartha genannt. Leo, weil er löwenstark sein sollte, Siddartha, weil der Amerikaner das gleichnamige Buch von Hermann Hesse zehnmal gelesen hatte. Doch Leo ist tot, James Frey ist 42 Jahre alt und reist mit seinem neuen Buch um die Welt, das er nach diesem Erlebnis begonnen hat.

Morgens, wenn er duscht, sieht er ein niedliches Löwen-Tattoo auf seiner Brust. Dann denkt er an seine drei lebenden Kinder zuhause, deren Initiale er wiederum am Handgelenk tätowiert hat. "Ich bin schon ein scheiß-glücklicher Bastard."

Wunder in Manhattan

Das neue Buch des US-Bestsellerautors heißt bedeutungsschwer "Das letzte Testament der heiligen Schrift". Ben, die Hauptfigur, ist der im New York von heute wiedergeborene Jesus. Seine Eltern waren betrunken, als die Mutter mit Ben schwanger wurde. Die Empfängnis also: fast unbefleckt. Bens Familie verstößt ihn, und als Erwachsener vollbringt er ein Wunder nach dem anderen in Manhattan. Wasser zu Wein ist seine leichteste Übung. Seine Spezialität: Er macht Menschen durch lange Zungenküsse glücklich. Oder er schläft mit ihnen. Männer, Frauen, Pfarrer, Prostituierte, für Ben sind es alles Menschen, die Liebe brauchen. Sollte eine Frau dabei schwanger werden, darf sie den Messias-Sohn auch abtreiben.

James Frey sagt, er habe für frühere Romane nie versucht, in einer anderen Stimme zu schreiben. Für diesen Roman hat er 13 Stimmen erfunden, die Bens Geschichte rekonstruieren: die übergewichtige Kassiererin Judith, den religiösen Schwulen Jeremias, den verrückten Obdachlosen Matthäus. Jeder von diesen New Yorker Underdogs erzählt ein Stück von Bens Geschichte, die mit dem Satz "Er war nichts Besonderes" beginnt und 440 Seiten später mit dem Satz "Ich liebe dich" endet. Es ist ein trauriges Buch.

"Schockierend", schrieb die britische Zeitung Guardian und fügte an: "schockierend schlecht". Viele Kritiker stießen sich an der kalkulierten Blasphemie, die in der bisexuellen Jesus-Figur schlummert, und an der hippie-esken Friedens-Fantasie, die nur mehr Liebe unter den Menschen streuen will. Doch wer Kritiken zu James-Frey-Büchern liest, muss wissen, dass der Autor in der anglophonen Literaturwelt in Ungnade gefallen ist. Vor sechs Jahren löste er einen Skandal aus, größer als die Copy-Paste-Debatte um Helene Hegemann jemals war. Frey hatte im Jahr 2003 den autobiografischen Bestseller "Tausend kleine Scherben" veröffentlicht, der in 42 Sprachen übersetzt wurde und sich millionenfach verkaufte. Drogenabhängigkeit, Kriminalitätsvergangenheit, viele Sätze, die mit "ich" beginnen. Doch als ein Blogger schrieb, dass James große Teile seiner Vergangenheit erfunden hatte, fühlte sich Amerika betrogen. Er saß bei der Talkmasterin Oprah Winfrey und sagte: "Ja, ich habe gelogen." Als er jetzt bei ihr sein neues Buch vorstellte und auch über den Tod seines Sohnes erstmals öffentlich sprach, war er zumindest zum Teil wieder rehablitiert.

In Deutschland ist diese Geschichte und James Frey insgesamt wenig bekannt. Bei seiner Lesung im Kino Babylon sitzen nur rund 50 Gäste im Publikum, dafür spricht er hier ungezwungen mit Menschen und man sieht den meist eher düster dreinblickenden Frey auch einmal lächeln. Ein Grund könnte sein, dass der Berliner Verlag Hoffmans & Tolkemitt sich besondere Mühe mit Freys Buch gegeben hat. Die 13 verschiedenen Stimmen der "Evangelisten" wurden von 13 bekannten deutschen Autoren übersetzt.

Vor allem die Berlinerin Tina Uebel musste sich für das Kapitel der Chirurgin Alexis viele Fachbegriffe erst anlesen - und damit die Arbeit James Freys wiederholen. Drei Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, hat viele Referenzen zur Bibel eingearbeitet, deren Details wohl nur Theologen entschlüsseln werden. Er wollte ein Buch über alles: Glaube, Liebe, Hoffnung. Auch den Tod. "Aber es ist schwer, so verdichtet zu schrieben wie Hermann Hesse", sagt er. Sein Buch sei viermal so lang wie Hesses Siddartha, aber wenn er damit das Leben einiger Menschen so verändern könne, wie Hermann Hesse seines verändert hat, habe sich der Aufwand gelohnt. Er sagt auch: "Es ist vielleicht mein letztes Buch." Er wolle nicht wie ein Boxer noch als 60-Jähriger im Ring stehen und ausgebuht werden.

Autor mit Schreibwerkstatt

Außerdem habe er in den vergangenen Jahren andere Formen der Veröffentlichung gefunden. Er hat ein Schreibstudio gegründet, wo mehrere Autoren seine Ideen zu Büchern formen. "So kann ich 30 bis 40 Bücher pro Jahr produzieren", sagt er, "die dann zwar nicht meinen Namen tragen, aber trotzdem durch mich entstanden sind." Eines dieser Produkte war der Science-Fiction-Thriller "Ich bin Nummer Vier", der zwar fürs Kino verfilmt wurde, aber bei Kritikern durchfiel. "Ich habe nie gesagt, dass ich das Buch geschrieben habe", sagt er. Abgestritten hat er nie. Dann sagt er den rätselhaften Satz: "Es hat nichts mit mir als Autor zu tun." Als ob er sich auch Jahre nach seinem Biografie-Skandal nicht zu sehr in die Taschen schauen lassen will. An der Verfilmung des "Letzten Testaments" arbeitet er gerade und hätte für die Rolle des Ben gern den Star James Franco. Weil das aber offenbar nur einen Teil seiner Zeit beansprucht, schreibt er noch nebenbei an einer Serie über das Pornografie-Business in L.A. für den US-Sender HBO.

Bei all dem Schreiben und Reden über Sex führt James Frey selbst ein eher zurückgezogenes Leben. Er kümmert sich viel um seinen Sohn und die beiden Töchter, hat vor acht Jahren Zigaretten gegen Nikotin-Kaugummis getauscht und trinkt keinen Alkohol. Auch bisexuell wie seine Romanfigur Ben war er nie, aber er findet es eine Schande, dass nur sechs US-Bundesstaaten die Ehe für Schwule und Lesben durchsetzen. Und doch: Einmal hat er einen Mann geküsst, vor 20 Jahren, als er in Paris studierte. Wenn er die Geschichte erzählt, ist er gut gelaunt - aber die Stimme bleibt monoton, die Augen müde: Er habe in Paris einen schwulen Mitbewohner gehabt, der ihn immer wieder provozieren wollte. "Ich so: klar küss ich dich, wenn du willst, er so: wann denn, ich so: wann du willst, gleich jetzt." Der Kuss dauerte 30 Sekunden. Und Frey sagt dann, er suche schon lange nicht mehr nach Kicks in seinem Leben. Er will nur "Frieden und Gelassenheit" und klingt dabei so salbungsvoll wie der heilige Ben.

James Frey Das letzte Testament der Heiligen Schrift. Haffmans & Tolkemitt, 19,95 Euro.