Grips-Theater

Was sind schon 100.000 Euro?

Das Grips-Theater fürchtet die Insolvenz, doch der Senat glaubt an eine Drohgebärde. Szenen eines Verteilungskampfes

Kulturstaatssekretär André Schmitz muss sich in diesen Tagen wie ein enttäuschtes Familienoberhaupt fühlen. Da glaubte er mit allerlei Gaben seine Lieben reichhaltig beschenkt und sich auch in der Öffentlichkeit als aufrechter Verteidiger aller erdenklichen Kulturen (Hochkultur, Populärkultur, Alternativkultur) wacker geschlagen zu haben in der Schlacht gegen alle, die darüber nachdenken, die Gelder etwas anders zu verteilen oder gar, Gott behüte, zu kürzen. Und wie wird es ihm gedankt? Es gibt immer noch einen, der da mies gelaunt ruft: "Und was ist mit mir?"

Dabei sind Senat und Abgeordnetenhaus nicht knauserig: Der Etat soll in den Jahren 2012 und 2013 um acht Millionen Euro erhöht werden; gut 370 Millionen Euro wird Berlin dem Plan zufolge 2013 für Kultur ausgeben. Die freie Szene und die bildenden Künste könnten sich über eine Million Euro zusätzliche Kulturförderung freuen (was sie nicht tun) und reich belohnt wurden das Schlossparktheater und die Kudamm-Bühnen dafür, dass die Christdemokraten seit 2011 mitregieren dürfen. Die Privattheater erhalten je eine halbe Million Euro mehr.

Einer, der glaubt, zu kurz gekommen zu sein, ist Volker Ludwig. Er wird bald 75 Jahre sein, hat seine Spielstätte 1969 gegründet, die seit 1972 unter dem Namen Grips-Theater firmiert und, das ist keine übertriebene Behauptung, eine über die Stadtgrenzen berühmte Institution ist. Seit einer Ewigkeit fährt sie die "Linie 1" hoch und runter. Das Grips gehört zum Inventar West-Berlins, damals, als die politischen Fronten noch leicht zu unterscheiden waren und das Grips als schwer progressiv galt. An Anerkennung (und Ablehnung) hat es nie gemangelt, am Geld aber offensichtlich schon.

Ein seltsames Timing

Nun hat Volker Ludwig am gestrigen Morgen die Vorwärtsverteidigung gewählt und eine bemerkenswerte Pressemitteilung veröffentlicht. Dem Theater drohe die Pleite, ist dort zu lesen, es könne sich Aufführungen für Kinder und Jugendliche nicht mehr leisten. Sorge bereitet Volker Ludwig die steigenden Mieten. Um 50.000 Euro auf 230.000 Euro seien sie in den vergangenen acht Jahren gewachsen. Auf Nachsicht oder gar mit Nachlass kann Ludwig wohl nicht rechnen, schließlich ist sein Vermieter der Immobilenfonds Fundus mit seinem Geschäftsführer August Jagdfeld. Dessen Grand Hotel in Heiligendamm musste vergangenen Monat Insolvenz anmelden.

Kurzum, Grips braucht mehr Geld und zwar vom Staat. Etwas überraschend ist das Timing dieser Forderung, die Haushaltsberatungen sind abgeschlossen, ein letztes Türchen ist nur noch offen. Seit Oktober bemühe er sich um höhere Zuschüsse, erzählt Volker Ludwig, und sei nicht so recht weitergekommen. Die Kulturverwaltung habe ihm bedeutet, dass leider kein Geld übrig sei. Ein Brief an Klaus Wowereit, der ja de jure die Kultur in Berlin verantwortet, blieb unbeantwortet und von André Schmitz, dem eigentlichen Macher, sei er "nett und freundlich" behandelt worden, wovon er sich aber nichts kaufen könne. Der Kulturausschuss hatte mit Volker Ludwig zumindest ein kleineres Einsehen und billigte ihm 50.000 Euro zusätzlich.

Bislang bezieht das Haus 2,75 Millionen Euro pro Jahr. Ludwig geht es jetzt um weitere 100.000 Euro. Wenn man sich mit beiden Seiten - also Grips und Senatsverwaltung - unterhält, ist unterschwellig der Grundton: "Diese lächerlichen 100.000 Euro; die sollen sich mal jetzt nicht so anstellen." Es ist, wie so häufig, eine Frage der Perspektive in diesem Verteilungskampf: Beim Grips-Theater beobachtet man, wofür der Senat sonst so alles sein Geld ausgibt, wie zum Beispiel einige doch sehr aufwendige Opern-Aufführungen und beim Senat denkt man sich, es müssen halt alle sparen, und Geld hat man bekanntlich nie genug.

Mit klagenden Theaterchefs kennt sich der Senat aus. Intendant Claus Peymann hatte 2009 vor der Insolvenz seiner Berliner Ensembles gewarnt, Armin Petras war von der Unterausstattung seines Maxim-Gorki-Theaters so genervt, dass er nach Stuttgart wechseln wird. Und was nun die öffentlich gemachte Forderung des Grips-Theaters angeht, ist man beim Senat, sagen wir, latent ungehalten: "Wenn das Grips-Theater wirklich insolvenzgefährdet wäre, dann müssten wir sofort alle Zuwendungen stoppen", sagt Torsten Wöhlert, Sprecher der Senatskultur. Schließlich dürfte man ja laut Landeshaushaltsordnung keine Steuergelder in insolvenzgefährdete Unternehmen stecken: "Der Senat", so Wöhlert, "hat den Etat beschlossen, alles Weitere entscheidet das Parlament." Ende der Ansage.

Im Mai trifft sich noch einmal der sogenannte Hauptausschuss. Das ist das Gremium, in dem - äquivalent zum Finanzausschuss im Bund - die Zuwendungen zwischen den einzelnen Ressorts neu verteilt werden. Und so hofft Volker Ludwig, dass er im allerletzten Moment (von woher auch immer) noch einmal 100.000 Euro erhält.

Beim Grips-Theater ist in letzter Zeit einiges zusammengekommen: Die Auslastung ging von 90 auf 83 Prozent zurück, die damit natürlich immer noch beträchtlich ist, aber die Einnahmen nach dem Zuschauereinbruch fehlen trotzdem. An den Eintrittspreisen zu drehen, was ja bei gutem Publikumszuspruch naheliegend wäre, ist nicht zu denken. Obwohl die Karten für Schüler vier bis fünf Euro kosten und damit günstiger als Kinokarten sind, ist das Berliner Theaterpublikum offensichtlich hochsensibel. Bestes Beispiel ist das Theater an der Parkaue: Als das Jugend- und Kindertheater in Lichtenberg einen Sponsor fand, der die Drei-Euro-Tickets für sozial Schwache mitbezahlte und den Eintrittspreis so auf 1,50 Euro senkte, schnellte der Zuspruch aus dieser Gruppe hoch: Waren es 2007 noch 2500 Zuschauer, kamen im Sponsorjahr 2008 über 9000 Besucher.

Womit wir zum Grundproblem kommen: Gefühlt ist das Grips-Theater eine landeseigene Bühne, das aber geführt werden muss wie ein profitorientierer Betrieb. Käme ein Unternehmensberater ins Haus, er würde dem Theater raten, das wenig rentable bis unprofitable Jugendzeugs zu streichen und höhere Eintrittspreise und somit höhere Einnahmen mit Stücken für Erwachsene zu erzielen. Nur würde das Grips-Theater dann seinen Kern, seinen Bestimmungsgrund verlieren. Schließlich nimmt es den Auftrag der kulturellen Bildung für Kinder und Jugendliche ernst. Die wiederum ist ein öffentliches Gut. Vielleicht übernimmt eines Tages das Land Berlin aus diesem Grund das Grips-Theater. Passen würde es.