Museen

Doppelklick auf die Kunst

Mit dem Google "Art Project" kann man immer mehr Berliner Museen besuchen. Doch wie gut sind die virtuellen Rundgänge?

Irgendetwas fehlt hier. Die Kasse des Museums ist nicht besetzt. Also gehe ich heute wohl kostenlos in die Ausstellung. Ich dreh mich herum, keiner da, die Eingangshalle mit dem Säulengang und den roten Teppichen steht leer, keine Führungen, keine Touristen. Ich bin allein in meinem Lieblingsmuseum, der Alten Nationalgalerie, allein mit 95 online sichtbaren Kunstwerken aus dem 19. Jahrhundert.

Seit über einem Jahr bietet Google seine virtuellen Rundgänge durch die größten Kunsthäuser der Welt an. Vergangene Woche wurde das "Art Project" auf 151 Museen und Galerien erweitert, darunter sind das Pergamonmuseum, das Alte Museum und das Kupferstichkabinett. Der US-Konzern ermöglicht es Kunstinteressierten, die selbst nicht in jedes Museum gehen wollen oder können, sich in einer 3-D-Welt aus Kunst umzusehen. Ähnlich wie bei "Street View", dem Dienst, mit dem man (fast) jedes Haus begutachten kann, erstellte Google 360-Grad-Bilder aus den Museen. Nur statt im virtuellen Voyeurismus die Dachterrasse des Nachbarn oder den Vorgarten des Chefs auszuspionieren, macht man sich im Museum auf kunsthistorische Spurensuche. Häuser wie das Metropolitan Museum of Art in New York, die Tate Britain in London oder die Uffizien in Florenz haben die Filmer in ihre Ausstellungsräume gelassen.

Technikaffin sollte man schon sein

Google Maps errechnet mir, dass ich mich gut 2,5 Kilometer von der Alten Nationalgalerie entfernt befinde. 22 Minuten bräuchte ich zu Fuß. Schon verrückt. Aber gut, statt nach draußen zu gehen, fahre ich den Computer hoch. Andererseits, denke ich mir, hat schließlich nicht jeder Berlins Museen vor der Haustür, für ältere oder weniger mobile Menschen ist es vielleicht die einzige Möglichkeit, die Exponate zu besichtigen.

Schnell wird allerdings auch klar: Wer wenig technikaffin ist, wird es schwer haben im Online-Museum. Zuerst muss man nämlich den google-eigenen Browser Chrome herunterladen. Das Menü des "Art Projects" offenbart sich mir auf Englisch, kein Problem, denke ich, ältere Nutzer aber hätten vielleicht eins. Dafür ist es möglich, was in der normalerweise sauerstoffarmen Museumsluft einige Energie bedarf: Sofort die Stufen in den zweiten Stock hoch zu springen und dort vor dem Lieblingsbild zu stehen. Caspar David Friedrichs "Mondaufgang am Meer". Wie so oft bei Friedrich ziehen die Rückenfiguren den Betrachter ins Bild, zwei Frauen und ein Mann in Tracht sitzen auf den Felsen und schauen aufs Meer. Segelschiffe, Mond, Wolken, Mensch und Natur, sehnsuchtsvolle Blicke in die Ferne, romantischer geht es nimmer.

Ich klicke ein bisschen in dem Bild herum, zoome rein und raus, stelle fest, dass das Werk von 1822 einige besorgniserregende Risse aufweist, und schließe es wieder. Normalerweise würde ich mich jetzt auf die samtene Bank vor dem Bild setzen, ein bisschen im Katalog blättern und den Mondaufgang auf mich wirken lassen, stattdessen wirke ich lieber weiter auf meine Maus ein. Weiße Pfeile zum Anklicken führen mich durch die Räume, auf einem Lageplan signalisiert ein gelber Scheinwerfer meinen Gang durchs Haus. Trotzdem verliere ich die Orientierung, klicke wild zwischen den Ebenen hin und her. Hätte ich all die Wege zu Fuß zwischen den Bildern zurückgelegt, wäre ich schon lang fix und fertig. Ich lasse Lovis Corinths "Der geblendete Simson" links liegen und renne an Auguste Rodins "Der Mensch und sein Gedanke" vorbei. Ich navigiere durch Türen, zoome mich Gänge entlang, schwenke durch die Räume.

Nach etwa 20 Minuten habe ich ein schlechtes Gewissen - statt Kunst zu rezipieren, stelle ich fest, dass ich offensichtlich lieber Achterbahn im Online-Museum fahre. Ich rufe Simon Rein an, Sprecher der Staatlichen Museen zu Berlin. "Das 'Art Project' ergänzt den Museumsbesuch", sagt er. "Die ästhetische Erfahrung, die sich beim Betrachten eines Originals im Museum einstellt, ermöglicht es nicht." Er weist mich darauf hin, mal auf Manets "Im Wintergarten" zu klicken. Es ist eines der vier Berliner Bilder, das Google in hochauflösender Fototechnik abfotografiert hat. Rund sieben Milliarden Pixel zeigen das impressionistische Meisterwerk des französischen Malers. Ein Paar in einem Garten, sie lehnt lässig auf einer blauen Bank und blickt in die Ferne, ihr Mann stützt sich auf das Geländer und blickt zu ihr. In der Mitte des Bildes passiert unterdessen etwas Zauberhaftes. Seine Hand nähert sich ihrer an, er streckt schon den Zeigefinger, ist kurz davor, sie zu berühren. Das Bild hält einen Augenblick fest, der trotz des Stillstands voller Bewegung zu sein scheint. Ich fahre in das Bild hinein, bis sich im Auge der schicken Dame jeder einzelne Pinselstrich vor mir auftut, jeder von Manet gesetzte Punkt, jede Pore. Wir tauschen tiefe Blicke. Ich will nach weiteren Manet-Werken in Berlin suchen. Doch das gibt die Suchfunktion nicht her. Ich darf zwischen Museen und Künstlern wählen. Mehr geht nicht. Künstler kann ich ausschließlich per Vornamen suchen. Das macht bei Rembrandt oder Michelangelo Sinn, aber um die Vornamen von Bruegel oder Alvarez Algeciraszu zu kennen, braucht es schon ein bisschen Grundkenntnisse oder eben Google. Als Entschädigung bietet das Art Project an, eine Sammlung ausgewählter Kunstwerke anzulegen. Klar, gern, denke ich, aber schon nach einem Klick kommt die Ernüchterung. Man braucht eine Google-Mail-Adresse. Die will ich mir aber nicht einrichten, in Bezug auf meine persönlichen Daten traue ich Google nicht. Simon Rein versucht, mich zu beruhigen. "Bei 'Street View' war der Diskussionspunkt, dass Häuserfronten im Internet abgebildet wurden. Für das 'Art Project' hatten wir keine Bedenken, die 'Street-View'-Technologie einzusetzen." Ganz überzeugt bin ich nicht, als ich das Museum verlasse. Nächstes Mal nehme ich vielleicht dann doch die 22 Minuten Fußweg auf mich.