Kino

Rebellion gegen die Väter: "Die Halbstarken"

Es war ein Debüt voller Neulinge. Der Regisseur hatte noch nie zuvor einen Spielfilm gedreht, nur Kulturfilme wie "Ertragreicher Kartoffelanbau".

Der Autor hatte noch nie zuvor ein Drehbuch geschrieben, er war Polizeireporter in Berlin. Bei der Besetzung setzte man - bis auf Nachwuchshoffnung Horst Buchholz - vor allem auf Laiendarsteller, neue, unverbrauchte Gesichter wie die 15-jährige Karin Baal. Und gedreht wurde auf der Straße; nicht etwa an bekannten Ecken, sondern im Arbeiterviertel Wedding. "Die Halbstarken" war so ziemlich das genaue Gegenteil all dessen, wofür das deutsche Kino der 50er Jahre stand - und wurde, genau deshalb, zum Schlager der Saison.

Will Tremper hatte aus den Schlagzeilen jener Tage ein Script über eine Jugendgang verfasst, das die deutsche Antwort war auf US-Jugenddramen wie "... denn sie wissen nicht, was sie tun". Und Georg Tressler brachte durch seine dokumentarische Arbeit einen geschärften Blick für die Wirklichkeit und ein Gespür für Schauplätze mit. Sicher, das Macho-Gebaren von "Hotte" Buchholz als Bandenanführer wirkt aus heutiger Sicht eher manieriert, und der Versuch, ihn zum deutschen James Dean zu stilisieren, griff schon damals nicht. Aber dennoch lebt dieser Film von einer Authentizität und Kompromisslosigkeit, wie sie zu jener Zeit selten war. Sicher, die Jugendrevolte, das Aufbegehren einer "unverstandenen Generation" nahm in der Bundesrepublik nicht solche Ausmaße an wie in den USA. Aber das Tremper-Tressler-Tandem verband diese Thematik mit den Schatten der jüngsten deutschen Vergangenheit. Hier rebellieren Heranwachsende gegen ihre spießigen Eltern nicht nur, weil die sich dem Establishment angepasst haben. Hier schwingt auch immer mit, dass die Vätergeneration den Krieg verschuldet hat. Deren Lebenslügen und Verdrängungen suchen die Halbstarken durch Aggressivität und kriminelle Akte zu provozieren.

"Die Halbstarken" avancierte schnell zum Kultfilm. Vor allem bei jenen Jugendlichen, die sich sonst kaum wiederfanden in all der Heimat- und Schnulzenseligkeit des Adenauer-Kinos. Das zog eine ganze Welle ähnlicher Filme nach sich, im Westen, aber auch im Osten.

Im Rückblick wirkt dieses Debüt aus dem Nichts wie ein erstes Vorzeichen für kommende Umbrüche. In gesellschaftlicher Hinsicht durch den Konflikt mit der Väter-Generation, der sich endgültig 1968 in der Studentenbewegung niederschlug. Aber auch was die eigene Branche betraf: 1961 brach die deutsche Filmindustrie zusammen und in Oberhausen formierte sich eine neue Generation junger Filmemacher, die "Papas Kino" für tot erklärte.