Liam Neeson

So beeindrucke ich meine Söhne

Liam Neeson wird im Alter zum Action-Star. Jetzt gleich doppelt mit "The Grey" und "Battleship"

Vor platten biographischen Bezügen sollte man sich tunlichst hüten. Aber sie drängen sich zu Beginn des Films "The Grey - Unter Wölfen" dermaßen auf, dass man beinahe Gänsehaut bekommt. Liam Neeson legt sich dort, in einer Traum-, einer Fantasiesequenz, neben seine Frau, aus dem Off schreibt er einen Abschiedsbrief: "Es vergeht keine Sekunde, ohne dass ich an dich denke. Aber du bist tot, deswegen muss ich tun, was ich tun muss." Und dann nimmt er den Lauf seines Gewehrs in den Mund, draußen, im Schnee.

Vor ziemlich genau drei Jahren ist Neesons Frau Natasha Richardson gestorben, nach einem fast banalen Skiunfall, dessen tödliche Folgen, eine Hirnblutung, keiner erahnen konnte. Man respektiert die Trauer des Stars und seine Entscheidung, nicht darüber zu sprechen. Aber einmal, im "Esquire", hat er selbst bekannt, wie er mit dem Schmerz umgegangen ist: "Ich habe überlebt, weil ich vor meiner Trauer weggerannt bin."

Seither dreht der Ire nicht nur einen Film nach dem anderen. Er hat auch eine erstaunliche Karrierewende vollbracht. In einem Alter, in dem Actionstars sich allmählich aufs Altenteil zurückziehen, begann er erst, sich in diesem Fach einzurichten. Der Mann, der Schindler war in "Schindlers Liste", der Mann fürs Charakterfach, für die großen, gravitätischen Rollen, er gab sich plötzlich für bloßes Spannungs- und Testosteronkino her. Und scheint sich dort richtig wohl zu fühlen. Der Umschwung kam, wohlgemerkt, noch vor dem tragischen Unglück: "96 Hours", in dem er ganz allein seine Tochter aus den Händen skrupelloser Entführer befreite, kam Ende Februar 2009 in die Kinos, einen Monat vor dem Tod seiner Frau. Damals hatte er noch getönt, solche Filme würden den kleinen Jungen in ihm reizen und damit könne er noch mal bei seinen Söhnen punkten.

Michael Richard ist inzwischen 16 und Daniel Jack 15 Jahre alt. Und noch immer scheint er seinen und Natashas Söhnen damit imponieren zu wollen. Vielleicht gehen ihm die dramatischen Rollen und großen Gefühle aber auch zu nah. Vielleicht ist es einfacher, statt große Gesten große Geschütze aufzufahren, wie in "Das A-Team", "Kampf der Titanen", "Unknown Identity". Vielleicht ist auch das eine Form der Verdrängung, der Trauerarbeit. Aktuell ist Neeson, der Actioner, gleich dreifach zu erleben. Seit zwei Wochen wütet er als Gottvater Zeus im 3D-Antikenfilm "Zorn der Titanen". Und diese Woche starten "The Grey - Unter Wölfen", in dem er in freier Wildnis gegen blutrünstige Bestien, und "Battleship", in dem er als Marine-Admiral gegen Aliens aus dem All kämpfen muss.

Kämpfer gegen Wölfe und Aliens

In diesen Filmen scheint Neeson, der Mime, mit Neeson, dem Privatmann, nichts zu tun zu haben. Bis eben auf den Beginn von "The Grey", in dem man ihn nach dem Verlust der Frau völlig verzweifelt sieht. Eine Verarbeitung auch das? Ironischerweise hält ihn dort ein Wolfsgeheul vom Suizid ab. Da draußen wartet noch was auf ihn. Auf einer Ölbohrstation in Alaska schützt er die Männer vor wilden Tieren. Doch als es in den Wochenendurlaub geht, stürzt das Flugzeug in einer der beklemmendsten Katastrophensequenzen seit langem ab - irgendwo im Nirgendwo. Und die wenigen Überlebenden sehen sich nicht nur Temperaturen von minus 30 Grad ausgesetzt, sondern auch einem Rudel monströser Wölfe. Ausgerechnet der Außenseiter, der schon mit allem abgeschlossen hat, kämpft jetzt ums pure Überleben. Mit Joe Cannaghan, dem Regisseur, hat Neeson schon "Das A-Team" gedreht. Und wie er dort das Häuflein von Einzelkämpfern anführte, wird er hier zur Vaterfigur der in der Wildnis Ausgelieferten.

Ob er damit bei seinen Jungens punktet? Wohl eher mit "Battleship". Ein Film, der mal nicht auf einem Computerspiel, sondern auf einem ur-alten Steckspiel basiert, das bei uns gemeinhin als "Schiffe versenken" firmiert. Das wurde jetzt so aufgemotzt, als habe man "Battleship" mit den "Transformers"-Filmen gekreuzt. Einmal mehr greifen, wie wir das sattsam aus "Independence Day", "Mars Attacks!" & Co. kennen, Aliens die Erde an, legen Metropolen in Schutt und Asche - und zwar mit Bombengeschossen, die genau an die Steckfiguren des Spiels erinnern.

Erstaunlich indes ist die Allianz, die Mutter Erde dem entgegenstellt: Die Amerikaner kämpfen vor Hawaii, unweit von Pearl Harbor, Seit' an Seit' mit Japanern. Und verstärkt werden sie von Versehrten aus jüngsten Kriegen und Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, die am Ende das älteste aller Schlachtschiffe wieder flottmachen; die USS Missouri, auf der einst die Kapitulation Japans erklärt wurde. Mit "Battleship" lassen sich also gleich mehrere nationale Traumata verarbeiten. Ein durch und durch amerikanischer Film also, voller falschem Pathos, der aber erst in einem Monat in die US-Kinos kommt und in Deutschland schon mal vorgetestet wird.

"Battleship" ist den Jungen vorbehalten. Die Hauptrolle spielt Taylor Kitsch, ein 31-Jähriger, den Hollywood partout zum Star aufbauen will, obwohl er gerade erst den megateuren Franchise-Blockbuster "John Carter" in den Sand gesetzt hat und auch hier viel Bizeps, aber wenig Aura zu bieten hat. Liam Neeson begnügt sich hier mit einer Nebenrolle als befehlshabender Marine-Admiral - dessen Tochter auch noch in Kitsch verliebt ist, der sich erst mal so gar nicht waffentauglich erweist. Eine Vater-, eine Schwiegervaterfigur also. Aber immerhin, in der Adaption eines Spieleklassikers! Und dazu hat man auch noch Popstar Rihanna an die Geschütze gesetzt. Das dürften Michael Richard und Daniel Jack echt cool finden.

60 Jahre und kein bisschen leise

Aber was ist mit all den anderen, die einst Liam Neeson verehrten? Man wird den Eindruck nicht los, dass der Star, der in zwei Monaten 60 wird, noch mal fatal auf Jung macht. Und sich an Filme unter seinem Niveau verschwendet. Er hat Aura genug, um auch in reinem Effekte-Kino wie "Zorn der Titanen" und "Battleship" zu bestehen, und in "The Grey" zeigt er zumindest anfangs, welches Konfliktpotenzial er mit wenig Gesten zu umreißen weiß. Aber man wünschte sich doch, Neeson würde mal wieder eine echte Charakterrolle übernehmen.

Die Chancen stehen nicht gut. Gerade hat er eine Fortsetzung von "96 Hours" abgedreht, als nächstes steht der Thriller "Non-Stop" an. Aber allmählich werden Neesons Jungs erwachsen, da kann ein Vater sowieso nicht mehr so leicht imponieren. Bald kommen sie ins wehrpflichtige Alter, da könnten sie es sogar ziemlich ärgerlich finden, dass der Papa so einen unverhohlenen Werbefilm für die Navy mitgemacht hat.