Ivan Nagel

Wo er rauchte, da war Feuer

Tod eines Vielfachbegabten: Der Theaterphilosoph, Intendant und Kritiker Ivan Nagel ist mit 80 Jahren in Berlin gestorben

Es ist, mit Robert Musil zu sprechen, ein "Nachlass zu Lebzeiten" im schrecklichsten und schönsten Sinn zugleich. Dieser Tage werden, jeweils kurz nach Mitternacht, seine Erinnerungen in sechs einstündigen Sendungen vom Deutschlandradio ausgestrahlt: Ivan Nagel im Gespräch mit Jens Malte Fischer. Sie müssen als Ersatz für die nicht geschriebene Autobiografie dienen, die wir uns von ihm wie von wenigen sonst wünschten. Denn am Montag ist Nagel in Berlin im 81. Lebensjahr gestorben.

Ein kosmopolitischer Jude aus Budapest, ein Homosexueller, ein Intellektueller, der deutsche Theaterdenker schlechthin. Dass er zwei Mal Intendant gewesen ist, des Hamburger Schauspielhauses und des Staatstheaters Stuttgart, wirkt im Zusammenhang seiner Lebensleistung beinah wie eine Fußnote. Mit ihm zu sprechen, meist beim Rauchen einer der ihm lange schon untersagten Zigaretten, gehörte zu der erfreulichsten, den lehrreichsten Erlebnissen des Kulturinteressierten. Ob Dramaturgisches oder Musik, ob bildende Kunst, Literatur oder Geistesgeschichte: Stets wusste und gab er auf ebenso kompetente wie unaufdringliche Weise Bescheid. Er war ein Meister des sokratischen Dialogs, nahm Gedanken auf, spann sie weiter, eröffnete ungeahnte Perspektiven.

Mit knapper Not waren der jüdische Großbürgersohn, seine Eltern und Geschwister dem Holocaust entkommen. Als der Stalinismus auch in Ungarn die Macht eroberte, floh er 1948 nach Zürich, wo er das Gymnasium absolvierte. Verfolgung durch zwei Terrorsysteme sollte sein Fühlen und Denken allzeit prägen. Auch auf die Gefährdungen demokratischer Verfassung reagierte er sensibler als andere: Das feine Gehör für falschen Zungenschlag bewährte sich in seinem "Falschwörterbuch" (2004) über "Krieg und Lüge im 21. Jahrhundert", ein Klassiker wider die Wortverdrehungen durch Politik, Wirtschaft und Medien.

Der "staatenlose" Flüchtling studierte in Paris und Heidelberg und Frankfurt. Theodor W. Adorno half übrigens, die Ausweisung des "unerwünschten Asylanten" Nagel zu verhindern. Von Adorno hat er alles außer dem Jargon gelernt, der die Arbeiten von dessen Adepten in der Regel zur Mühsal macht. Sein zweiter Mentor wurde Fritz Kortner. Kortner weckte Nagels Leidenschaft für alles Dramatische, für die Genauigkeit des Blicks und für die "kritische Treue" zum poetischen Wort, wobei sich Kritik am Original und Treue zu diesem stets die Waage hielten.

Als Intendant von Deutschlands größtem Sprechtheater, in Hamburg, verantwortete er den produktivsten Skandal neuerer Theatergeschichte: Peter Zadeks "Othello" mit Ulrich Wildgruber in der Titelpartie. Seine dritte und letzte Leitungsposition sollte Nagel nach Salzburg führen, als Schauspielchef der Festspiele, denen er - beginnend 1997 mit einer legendären Veranstaltungsserie zu Elfriede Jelinek - die bis heute florierende Reihe "Dichter zu Gast" bescherte. Früher als die gesamte deutsche Szene hatte er Protagonisten des internationalen Theaters im Blick - von Peter Brook über Robert Wilson und Peter Sellars bis zu Ariane Mnouchkine: Das von ihm begründete Festival "Theater der Welt" führt diesen Titel mit Fug und Recht.

Nagel war es auch, der Frank Castorf 1992 an die Spitze der Berliner Volksbühne katapultierte - mit einem Gutachten, in dem er empfahl, das abgewirtschaftete Haus jungen Theatermachern wie Castorf und Einar Schleef zu überlassen. Diese wären dann - so der legendäre Satz - in zwei Jahren "berühmt oder tot".

Dies indes war bloß die eine Seite Ivan Nagels, die des Praktikers und Ermöglichers. Im Reich der Gelehrsamkeit jenseits des Elfenbeinturms, als Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg und Professor für Ästhetik der Darstellenden Künste, war er Forschender, ein Philosoph in seinen Gedanken, ein Autor von Rang in seinen Schriften. Kunst und Wahrhaftigkeit waren ihm eins. Das geistige Deutschland hat Grund zu Trauer - und Dankbarkeit.