Theater

Hübsche Bilder, schlecht montiert

"Joseph und seine Brüder" im Deutschen Theater versucht den ganz großen Bogen

Menschheitsepos, das ist ein großes Wort, aber eine Nummer kleiner geht's in diesem Fall leider nicht. Es beginnt der Abend mit, nun ja, Adam und Eva. Auf eine flatterige Leinwand hin gekritzelt stehen diese beiden Namen. Ur-Ur-Enkel Reuben erzählt im Schnelldurchlauf, was sich in den Generationen zwischen der ersten und der seinen alles so zugetragen hat. Im Wesentlichen sind das: Verbotene Lieben und Bruderzwiste. Und man ahnt bereits: Der Bogen, der hier gespannt werden soll, ist gigantisch.

Was sonst als eben ein Menschheitsepos sollte auch dabei herauskommen, wenn Thomas Mann sich biblischen Stoff vornimmt und dabei auch noch von Goethe inspiriert wurde? Der fand in "Dichtung und Wahrheit", dass die Geschichte von Jaakob und seinem Lieblingssohn Joseph in der Bibel schlicht zu kurz komme und ausgemalt gehöre. Einer wie Mann fühlte sich davon natürlich herausgefordert und machte aus den paar Genesisversen direkt ein vierbändiges Monumentalwerk namens "Joseph und seine Brüder". Einige Dekaden später wiederum befand man in Düsseldorf, das Ganze könne man doch auch wieder einkürzen und ein Bühnenstück daraus machen. Beauftragt wurde John von Düffel, der sich bereits einen Namen als Thomas-Mann-Dramatisierungs-Fachmann gemacht hatte. Als der Text 2009 in Düsseldorf uraufgeführt wurde, dauerte der Abend sechs Stunden.

Die niederländische Regisseurin und Direktorin des Rotterdamer RO Theaters Alize Zandwijk, die nun erstmals in Berlin inszeniert, braucht für ihre Fassung am Deutschen Theater nur gut drei Stunden. Die fangen durchaus vielversprechend an. Das mit dem biblischen Stammbaum beschriebene Tuch wird zum Gewand, das erstens Joseph, den bevorzugten Sohn des Jaakob ehrt und zweitens, im Rückblick, auch Jaakobs eigene Vergangenheit zwischen zwei Frauen umfängt. Umhüllt von Geschichte sind hier buchstäblich alle. Zum Teil verlagert sich diese Geschichte auch noch hinter einen weißen Vorhang als Schattenspiel. Eine klassische Form tradierter Geschichtsüberlieferung vergangener Zeiten.

Griff in die Theaterzauberkiste

Hier gelingt sie noch, die Deutung ins Überzeitliche, die Andeutung der mythischen Zusammenhänge. Aber es scheint, als würde die Regisseurin dieser verhältnismäßig schlichten, aber so klaren szenischen Anordnung nicht allein vertrauen. Stattdessen greift sie im Fortgang des Abends vermehrt in die ganz große Theaterzauberkiste. Gerade noch wurde Joseph schattenhaft von seinen Brüdern, die ihm die erschlichene Gunst des Vaters neiden, brutal zusammengeschlagen, in einen Brunnen geworfen und für tot befunden. Schon taucht er in grellbunter Szenerie vor jetzt blauer Leinwand im Dienste eines Sonnenbrillen und Badelatschenverkäufers in Ägypten auf, wird hiernach, in dann lustrotem Ambiente, von der Mut, der Frau des pharaonischen Hofherren Potiphar begehrt. Am Ende schließlich kreiselt die Drehbühne ein Meer von gelbem Getreide am Halm rundum, das sich, ebenso wie die inzwischen vom Schnürboden herabgelassenen Wolken, rückseitig ins Grau-Schwarze verfärbt. Es sind die sieben mageren Jahre angebrochen, in denen Joseph, da er weise vorsorgte, zu Pharaos oberstem Wirtschaftskrisenmanager aufsteigt. Joseph, gesegnet mit Schönheit und Cleverness, hat Karriere gemacht, aber der Segen seines Vaters, der ihm wichtiger wäre, bleibt ihm am Ende versagt. In dieser opulenten und durchaus ansehnlichen Bilderflut kommt man sich beizeiten vor, wie in einer mit viel Aufwand produzierten, aber am Ende nachlässig montierten Foto-Vater-Love-Story ohne Happyend, bei der die Bilder maximal in winzigen Einzelmomenten szenisch lose verankert sind, aber kaum untereinander korrespondieren oder sich zu einer Deutung zusammenfügen.

Leider korrespondieren auch die Darsteller zum Teil nur mittelmäßig. Jörg Pose etwa verlässt als Jaakob (und als Petiphar) nie seinen silbendehnenden, ironischen Sprachduktus, wohingegen Thorsten Hierse seinen Joseph mit ernster Jugend ausstattet. Wenn die beiden miteinander reden, tun sie das zwangsläufig aneinander vorbei. Peter Moltzen beweist in der Vielfachrolle Pharao, Reuben und Diener immerhin großes Wandlungsvermögen und Judith Hofmann, die neben Natali Seelig und ihrer Zwerg-Dudu-Performance, einen Großteil der Frauenrollen spielt, ist sicher die Differenzierteste von allen und wird von Düffels außerordentlich wortgewandter Bearbeitung am ehesten gerecht. Was bleibt, ist eine bebilderte Romannacherzählung in Kurzform, die zwar kaum über die Vorlage hinausweist, aber doch halbwegs solide für jene taugt, denen die knapp 2000 Original-Seiten schlicht zu viel Lesestoff sind.

12. April, 19.30 Uhr im Deutschen Theater, Schumannstr. 13a, Tel. 28 441 225