Analyse

Die seltsamen Gedanken des Günter Grass

Das Gedicht des Nobelpreisträgers wimmelt nur so von Verzerrungen und Lügen - der Text im Faktencheck

Günter Grass hat ein Gedicht über den Konflikt zwischen Iran und Israel geschrieben, das in zwei Zeitungen veröffentlicht wurde und einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat.

Tatsächlich sind nicht nur die Motive des Grass'schen Machwerks zweifelhaft. Es offenbart auch ein seltsames Verhältnis zu den Fakten. Das Gedicht wimmelt nur so von Verzerrungen, Halbwahrheiten und Lügen. Die Berliner Morgenpost macht den Faktencheck an einer Auswahl von Textstellen. Grass schreibt:

"Warum schweige ich, verschweige zu lange, / was offensichtlich ist und in Planspielen / geübt wurde, an deren Ende als Überlebende / wir allenfalls Fußnoten sind / Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, / der das von einem Maulhelden unterjochte / und zum organisierten Jubel gelenkte / iranische Volk auslöschen könnte, / weil in dessen Machtbereich der Bau / einer Atombombe vermutet wird."

Analyse: Daran stimmt eigentlich überhaupt nichts. Der Begriff des "Erstschlages" stammt aus der Atomkonfrontation des Kalten Krieges und meint einen atomaren Erstschlag. So wird der Begriff auch von Grass gebraucht, weil es sich um einen Angriff handelt, der das "iranische Volk auslöschen könnte". Nun hat Israel keine Atomdoktrin des atomaren Erstschlages.

Das Land hat gar keine offizielle Atomdoktrin, weil man nicht offen zugeben will, Atomwaffen zu besitzen, um andere Staaten nicht zur atomaren Aufrüstung zu drängen. Entsprechend verhüllt sind die Aussagen israelischer Politiker. Nie hat aber ein israelischer Politik dem Iran mit einem verheerenden Erstschlag gedroht.

Schon im ersten Absatz seines Gedichtes lässt sich Grass' Absicht erkennen, die von Israel ausgehende Gefahr aufzubauschen und die vom Iran gen Israel gerichtete Gefahr zu bagatellisieren. Da baut nicht das iranische Regime eine Bombe, sondern im "Machtbereich" des iranischen Volkes wird eine "Atombombe vermutet", deren Produzent und dessen Absicht im Unklaren bleiben.

Und Mahmud Ahmadinedschad ist natürlich kein gefährlicher Politiker, der den Holocaust leugnet und dem jüdischen Staat mit Auslöschung droht und dessen Regime zu diesem Behufe seit Jahrzehnten die friedensunwilligen terroristischen Kräfte in der Region mit hochwertigen Waffen ausstattet, um den jüdischen Staat zu bedrohen und anzugreifen.

Nein, Ahmadinedschad ist für Grass nur ein "Maulheld", der offenbar nur spielen will und es nicht so meint.

"Doch warum untersage ich mir, / jenes andere Land beim Namen zu nennen, / in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - / ein wachsend nukleares Potential verfügbar / aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung / zugänglich ist?"

Wie Günter Grass wissen kann, dass das israelische Atomarsenal seit Jahren wächst, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht hat er ja besondere Quellen. Dass die israelischen Waffen "keiner Prüfung zugänglich" sind, hat einen einfachen Grund: Israel hat, anders als der Iran, den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben und ist demnach nicht an seine Regeln gebunden, gegen die Teheran mehrfach und anhaltend verstoßen hat.

"Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, / dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, / empfinde ich als belastende Lüge / auch Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, / sobald er mißachtet wird; / das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig."

Auch das ist schlicht gelogen. Um das festzustellen, reicht eine simple Archivrecherche. Es gehört inzwischen zum guten Ton einer gewissen deutschen Auseinandersetzung über das iranische Atomprogramm, auf den israelischen Besitz der Bombe zu verweisen und die angebliche unterschiedliche Behandlung beider Fälle zu kritisieren oder zu behaupten, der Iran wolle ja nur ein Gleichgewicht des Schreckens herstellen. Von "allgemeinem Verschweigen" kann also keine Rede sein.

"Jetzt aber, weil aus meinem Land, / das von ureigenen Verbrechen, / die ohne Vergleich sind, / Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, / wiederum und rein geschäftsmäßig, / wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, / ein weiteres U-Boot nach Israel / geliefert werden soll, dessen Spezialität / darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe / dorthin lenken zu können, wo die Existenz / einer einzigen Atombombe unbewiesen / ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft / sein will, sage ich, was gesagt werden muß."

Halten wir fest: Grass missfällt, wie schon Martin Walser in seiner Paulskirchenrede, dass sein Land "Mal um Mal" von seiner Nazivergangenheit "eingeholt" und dafür "zur Rede gestellt wird". Dann bedient er sich eines Tricks. Der Erstleser wird die folgende Formulierung "wiederum und rein geschäftsmäßig" als in Verbindung stehend lesen zu den Holocaustvorwürfen. Da versucht also jemand, die armen Deutschen moralisch unter Druck zu setzen, um damit Geschäfte zu machen. Verteidiger von Grass können darauf verweisen, dass sich das Geschäftsmäßige doch auf die U-Boote beziehe. Tatsächlich bezieht es sich auf beide Aussagen, weil Grass alles nur mit Kommata voneinander abtrennt. Subtext: Die Juden reden den Deutschen ein schlechtes Gewissen ein, um billig an U-Boote zu kommen, die die Bundesrepublik ja tatsächlich subventioniert.

"Warum aber schwieg ich bislang? / Weil ich meinte, meine Herkunft, / die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, / verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit / dem Land Israel, dem ich verbunden bin / und bleiben will, zuzumuten."

Grass schreibt hier, dass ihn der "Makel" seiner (deutschen) "Herkunft" davon abgehalten hat, diese "Wahrheit", die ja tatsächlich aus einer Aneinanderreichung dreister Lügen besteht, zu verkünden. Nun ist es schwer, die echten Motive von Grass für sein bisheriges Schweigen und sein jetziges Schreiben zu ergründen.

Es dürfte aber auf der Hand liegen, dass ihn nicht nur sein Deutschtum davon abgehalten hat, sich solcherart zu exponieren, sondern auch seine lange verschwiegene Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Das ist der feine Unterschied zwischen etwas, in das man hineingeboren wurde und etwas, was man selbst getan hat.

Aus diesen Zeilen spricht also abermals eine gehörige Verdrängungsleistung von Grass. Dass er dem Land Israel verbunden sei und bleiben wolle, darf man getrost als Schutzbehauptung abtun.

Wer sich noch an die Auseinandersetzung zwischen Grass und dem israelischen Autor Yoram Kaniuk während des Golfkrieges von 1991 erinnert, wird schwerlich feststellen können, dass Grass dem Land jemals verbunden war oder irgendwelche Sympathien für die Israelis hegt.

"Warum sage ich jetzt erst, /gealtert und mit letzter Tinte: / Die Atommacht Israel gefährdet / den ohnehin brüchigen Weltfrieden? / Weil gesagt werden muß, / was schon morgen zu spät sein könnte; / auch weil wir - als Deutsche belastet genug - / Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, / das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld / durch keine der üblichen Ausreden / zu tilgen wäre."

Das ist wohl der perfideste Abschnitt in Grass' Pamphlet. Die Geste, dass da einer am Rande des Grabes stehend nichts mehr zu verlieren hat und hier quasi sein politisches Testament aufsetzt - geschenkt. Das ist nur auf eine klebrige Art pathetisch.

Aber sein "die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden" ergibt zusammen mit "Zulieferer eines Verbrechens" und mit allem anderen was Grass in diesem Gedicht schreibt nur einen Sinn: Er warnt vor einem israelischen Atomschlag gegen den Iran und davor, dass Deutschland sich als Lieferant der israelischen U-Boote, die unter anderem als Abschussbasen dieser Waffen dienen, mitschuldig macht an diesem "Verbrechen". Auch hier hat Grass den Sinn der U-Boote nicht verstanden. Sie dienen Israel zur Aufrechterhaltung einer Zweitschlagkapazität im Falle eines iranischen Atomschlages gegen Israel.

Weil das israelische Territorium so klein ist, dass ein Angreifer durchaus die Chance sehen könnte, das ganze Land mit einem Schlag so nachhaltig zu vernichten, dass auf dem Boden stationierte Atomraketen nicht mehr für einen Vergeltungsschlag eingesetzt werden könnten. Und das wiederum würde die Wahrscheinlichkeit eines gegnerischen Nuklearangriffs erhöhen.

Es handelt sich also bei den U-Booten um die klassische Abschreckungslogik aus dem Kalten Krieg, die Grass damals schon nicht verstanden hat. Wenn es nach Grass gegangen wäre, hätte der Westen die Nachrüstung unterlassen und der ganze Ostblock würde wahrscheinlich heute noch unter sowjetischer Knute leben.

Tatsächlich sichert ein rational agierendes Land sich die atomare Zweitschlagkapazität nicht, um die Waffen tatsächlich einzusetzen, sondern um die andere Seite davon abzuhalten, ihrerseits Massenvernichtungswaffen zu benutzen. (...)

"Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, / weil ich der Heuchelei des Westens / überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen: / es mögen sich viele vom Schweigen befreien, / den Verursacher der erkennbaren Gefahr / zum Verzicht auf Gewalt auffordern und / gleichermaßen darauf bestehen, / daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle / des israelischen atomaren Potentials / und der iranischen Atomanlagen / durch eine internationale Instanz / von den Regierungen beider Länder zugelassen wird."

Hier bezeichnet Grass Israel als den "Verursacher der erkennbaren Gefahr". Das muss man so verstehen, weil er ja an keiner Stelle des Gedichtes eine vom Iran ausgehende Gefahr überhaupt thematisiert. Israel ist also das Problem, und nicht andersherum. Und die Gefahr besteht darin, wie Grass ja immer wieder angedeutet hat, dass Israel "das iranische Volk auslöschen könnte". Das ist eine gänzliche Verkehrung der Tatsachen in Nahost.

Es wird angenommen, dass die Israelis seit etwas mehr als 40 Jahren die Bombe haben. Und dennoch haben sich die umliegenden, zum Teil verfeindeten Staaten (Ausnahme: das mit Iran verbündete Syrien), nie ernsthaft dazu gedrängt gesehen, sich ebenfalls eine Bombe zu besorgen.

Weil sie immer gewusst haben, dass Israel keine expansiven Ausdehnungsgelüste in der Region hat. Und weil die israelische Bombe in den Augen der arabischen Staaten nur eine defensive Rolle hatte, also zur Selbstverteidigung bestimmt war. Das ist bei der iranischen Bombe anders.

Der gesamte Faktencheck im Internet unter www.morgenpost.de/grass