Architektur-Ausstellung

Versunkene Symbole einer sozialen Utopie

In der Schau "Baumeister der Revolution" zeigt der Martin-Gropius-Bau, was von der Architektur der sowjetischen Avantgarde heute noch übrig ist

Die Perle der Ausstellung begrüßt die Besucher gleich am Eingang: Es ist das Modell eines Turms, das sich babylonisch in die Höhe schraubt. "Monument der dritten Kommunistischen Internationale" sollte das Stahlskelett des Künstlers Wladimir Tatlins heißen und ein Denkmal für die Oktoberrevolution von 1917 werden. Tatlin wollte, dass das konstruktivistische Bauwerk 100 Meter höher wird als der Eiffelturm und die drei Glaskörper in der Mitte als Hauptquartier für die Kommunisten dienen, die nichts weniger als eine Weltrevolution im Sinn hatten. Das Denkmal wurde allerdings ebenso wenig verwirklicht wie die damit einhergehende politische Utopie.

Nachdem der Martin-Gropius-Bau erst vor einem knappen Monat mit der Schau "Pacific Standard Time" die kalifornische Sonne nach Berlin geholt hat, wartet er ab heute mit einer Ausstellung auf, die den Besuchern schwieriger nahe zu bringen sein dürfte, als die Swimmingpools David Hockneys oder die Tankstellen Ed Ruschas. "Baumeister der Revolution. Sowjetische Kunst und Architektur 1915-1935" zeigt die Werke der sowjetischen Avantgarde-Architekten, die in Europa weitgehend unbekannt sind. "Der Konstruktivismus war eine international rezipierte Kunstrichtung", sagt Gereon Sievernich, Direktor des Gropius-Baus, "dass wir zurzeit aber Kunst aus den USA und Russland gleichzeitig zeigen, ist Zufall."

Synthese von Symbol und Zweckbau

Nur durch die Ausstellung zu schlendern, wird nicht reichen, um das Wesentliche dieser Schaffensperiode zu begreifen. Das klingt ein wenig nach Arbeit und, ehrlich gesagt, ist die Schau zuweilen mühsam. Wer sich aber einliest in die zahlreichen Wandtafeln und den Zeichnungen, Fotografien und Videos seine Aufmerksamkeit schenkt, erkennt, dass es fast vergessenen Malern wie El Lissitzky, Gustav Kluzis oder Alexander Rodtschenko, aber auch den Baumeistern Nikolai Ladowski, Wladimir Krinski oder eben Tatlin vielmehr um die Form ging als um den Inhalt. In seinem Turmentwurf erschuf er eine Synthese von Symbol und Zweckbau, von technischer Konstruktion und ästhetischer Überzeugungskraft. Der Turm will die Prinzipien von Architektur, Plastik und Malerei zusammenführen. Auch der Schabolowka-Funkturm war mit großer symbolischer Kraft aufgeladen, die filigrane Struktur des ersten wichtigen Baus nach der Revolution sollte Altes und Schweres überwinden. Der 60 Meter hohe Stahlfachwerkturm wurde 1922 als Sendeturm für den sowjetischen Rundfunk in Moskau errichtet.

Alle Werke stammen aus einer Zeit, in der Abschaffung des Privateigentums, Aufteilung des Landes und Verstaatlichung der Produktion ihre dramatischen Auswirkungen über die Bevölkerung brachten. Es war eine Zeit, in der die visuellen Künste für Propaganda und Massenveranstaltungen an Bedeutung gewannen und Denkmäler für die Revolution geschaffen werden mussten. Büsten und Statuen von Marx und Engels reichten dem Regime nicht mehr.

Wie untrennbar die Künste miteinander verwoben sind, zeigt die Ausstellung auch in ihrer Zusammensetzung: Der englische Fotograf Richard Pare hat in den großen Städten der ehemaligen Sowjetunion, wie Moskau, Sankt Petersburg, Kiew oder Baku die Architektur, darunter viele alte Wassertürme, Fabrik- oder Firmengebäude, aus dem vergangenen Jahrhundert fotografiert und geforscht, was davon noch übrig geblieben ist. Die großformatigen Aufnahmen konzentrieren sich auf die mittlerweile fast nur noch grauen Gebäudewände, Flachdächer und schmucklosen Säulen. Die Funktionalität der Gebäude stand im Mittelpunkt, sie sollten beim Aufbau einer neuen Gesellschaft helfen und Arbeiter, Gewerkschaften, kollektive Wohnanlagen und Kaufhäuser bergen. Die Wohnsiedlung für die Beamten der Geheimpolizei Tscheka, aus der später der KGB hervorging, in Jekaterinburg ließ mit seiner groß angelegten Wendeltreppe keinen Zweifel an dem Status seiner Bewohner. Von heute aus betracht, bleibt die Frage, wie die Zukunft dieser bröckelnden Symbolbauten aussieht. Erhält man die Symbole eines zum Scheitern verurteilten Regimes oder lässt man die Zeit an den Mauern nagen, bis sie sich ergeben?

Man vermisst in der Ausstellung pädagogisches Fingerspitzengefühl: So hat die Schau nur wenige Videos zu bieten, die die statische Architektur lebendiger machen könnte. Auch gibt es wenig Modelle der Gebäude. "Das ist der Entstehungszeit geschuldet ist", sagt Maria Tsantsanoglou von der Sammlung Costakis, "die Architekten hatten meist kein Geld für Modelle, sondern gingen von den Zeichnungen direkt zur Konstruktion über". Im letzten Raum stößt der Besucher auf Pares Fotografien von Lenins Mausoleum. Glatt, kalt und abweisend steht es auf dem Roten Platz in Moskau und birgt den Leichnam des Revolutionsführers. Pare hat es so fotografiert, dass sich die Umgebung darin spiegelt und so die Symbolkraft des Baus wiedergibt.

Martin-Gropius-Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Tel. 254860. Bis 9. Juli, Mi-Mo 10-19 Uhr, am Gallery Weekend (27.-28. April) 10-22 Uhr.