Kunstsache

Das große Experiment der globalen Glückseligkeit

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Und wo das Boomland China vertreten ist, darf natürlich auch die zweite große aufstrebende Weltmacht nicht fehlen: Indien. Immerhin schon seit 2008 hat die Gallery Nature Morte aus Neu Delhi einen Ableger in Berlin, zuletzt harrte man etwas einsam am aufgegebenen Kunststandort Zimmerstraße aus. Nun sind die Inder in die Weydingerstraße umgezogen und blicken durch ihre großen Schaufenster auf die Volksbühne. Für den Einstand haben sie sich Akteure eingeladen, die ähnlich politisch wirken, wie die Stücke im Theater gegenüber: das Raqs Media Collective. Die bekanntesten Konzeptkünstler des Subkontinents treten gelegentlich auch als Kuratoren auf, in Berlin zeigen sie jetzt Teile ihres fortlaufenden Projekts "The Euphoria Machine." Dabei handelt es sich, grob gesagt, um eine fröhliche Form der Kapitalismuskritik. Auf einem aus Sperrholz zusammengezimmerten Tisch sind wie in einer Art Archiv verschiedenste Materialien ausgebreitet: bunte Spielzeugautos, Konstruktionszeichnungen, Schmetterlinge aus Draht sowie Glaskolben mit Würfeln darin. Dazwischen liegen Fotos diverser Bollywood-Stars als exemplarische Stellvertreter der Spezies Mensch, jeweils versehen mit den Worten: "Wir sind der Treibstoff." Es hat den Anschein, als sei das ganze als eine Versuchsanleitung für das große Experiment der globalen Glückseligkeit zu verstehen. Nur wie die richtige Reaktionsformel aussieht, dass konnte ich auch mit eingehendem Studium der Ausstellung nicht in Erfahrung bringen. (Bis 21. April, Weydingerstraße 6, Mitte)

Ebenfalls erst seit 2008 existent und doch schon eine feste Größe unter den jungen Galeristen der Stadt ist die Galerie Chert. Im vergangenen Jahr war Jennifer Chert mit ihrem kosovarischen Nachwuchs-Starkünstler Petri Halilaj sogar in der "Statements"-Sektion der Basler Kunstmesse eingeladen. Halilaj schnitt damals einfach ein großes Stück aus einer Wiese in seinem Heimatland und füllte damit die Messekoje. Auch an ihrem Berliner Standort setzt Chert auf ihren Untergrund-Charme. Versteckt in einem Kreuzberger Hinterhof zeigt sie gerade Heike Kabisch. Die junge Düsseldorferin erschafft figurative Skulpturen mit leicht surrealistischem Charakter. Eine Kunststofffrau steht auf mehreren Holzklötzen und angelt. Angebissen haben nur ein paar weitere Kuben. An einer Wand scheint ein kleiner Junge Ballettposen à la Degas zu üben. Die schönste Arbeit ist die Eins-zu-Eins-Replik eines Brunnens aus dem Örtchen Markdorf, bei dem Kadisch allerdings die niedlichen Kinderfiguren unter dem Regenschirm durch zwei alte Griesgrame ausgetauscht hat. (Bis 19. April, Skalitzer Straße 68, Kreuzberg)

Wirklich kein Neuberliner mehr ist Claes Nordenhake. Den Stockholmer verschlug es bereits 2000 gen Süden, als einer der ersten ausländischen Galeristen. In seiner Kreuzberger Dependance zeigt er mit dem wunderbaren "89/90"-Fotozyklus von Michael Schmidt den einzigen Urberliner in seinem Galerieprogramm. Für seine Serie machte Schmidt seine typischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen in den entscheidenden zwei Jahren in der Umgebung der Mauer. In den lakonischen Ansichten von verlassenen Spielplätzen, vertrockneten Blättern, baufälligen Mietskasernen und rohen Betontreppenhäusern scheinen die ganzen West-Berliner Ratlosigkeitsgefühle der Wendetage gespeichert. Man musste, dass etwas zu Ende gegangen war. Was danach kommen würde; das wusste man nicht. (Bis 21. April, Lindenstr. 34, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien