3D

Im Rausch der Tiefe

Jetzt gibt es auch "Titanic" in 3D. Wenn jeder Film so aussähe, hat das Format eine Chance

Ist James Cameron auch eine tragische Gestalt? Nach "Titanic" schien er dem Kino verloren, er tauchte immer wieder in die Tiefen des Ozeans, wie seine Forscher zu Beginn seines Films, er drehte Imax-Dokus darüber, schien aber ansonsten dem Rausch der Tiefe erlegen. Gerade erst ist er als erster Mensch allein an die tiefste Stelle des Marianengrabens getaucht. Aber er hat auch "Avatar" gedreht. Und einmal mehr Maßstäbe gesetzt, mit dem Einsatz von 3D. Nächste Woche kommt jetzt - pünktlich zum 100. Gedenktag des Untergangs am 5. April - auch "Titanic" noch einmal in die Kinos. Ebenfalls in 3D. Der Rausch der Tiefe - nun auch dreidimensional zu verstehen.

3D ist eine geniale Erfindung. Zumindest für die Filmwirtschaft. Zum einen, um die Videopiraterie zu erschweren: Wer jetzt noch im Kino illegal Blockbuster aufzeichnet, hat nur unscharfe Bilder. Zum anderen, weil man auf diese Weise den Ticketpreis erhöhen kann. Für die Filmkunst, pardon, ist 3D bislang keine Innovation. Fast ausschließlich werden damit Jungensfilme gedreht, in denen man durch Schächte und Lüfte saust. Das ermüdet selbst bei Produktionen, die schon 3D-gefilmt werden, also mit Stereo-Kameras, die danach zu einem Bild eingelesen werden. Erst recht aber bei Produktionen, die noch konventionell 2D gedreht und dann auf die Schnelle 3D "konvertiert" werden. Ja, so heißt die Umstellung, sehr bezeichnend, als ob man den Glauben ändert.

Bislang gab es erst einen Film, der 3D zu einem vollkommen neuen Raumerlebnis machte. Das war Wim Wenders' gefeierte Tanzdoku "Pina". In der Regel aber guckt man, egal ob konvertiert oder nicht, nur noch in die Leere. Nicht mehr auf die Schauspieler vorne, auch nicht auf den Hintergrund, sondern auf die Leerstelle dazwischen. Eigentlich guckt man bei 3D am Film vorbei. Als bekannt wurde, dass "Titanic" konvertiert wird, konnte man also auf das Schlimmste gefasst sein.

Aber siehe da: Einmal mehr beweist Cameron, dass er Meilensteine setzen kann. "Titanic" kann man noch einmal ganz neu entdecken. Weil man zwar in die Tiefe schauen kann , der Blick aber nicht permanent dahin abgelenkt wird. Mit 500 Kopien kommt "Titanic" noch mal flächendeckend in unsere Kinos (vor 15 Jahren lief er mit 874 Kopien an). 18,9 Mio. Dollar wurde für die 3D-Version ausgegeben (1997 hatte der Film 220 Mio. gekostet). Fünf Jahre haben 300 Computerkünstler daran gearbeitet, Bild für Bild zu bearbeiten. Normalerweise rechnet man pro Bild ein, zwei Tage ein; hier wurden zwei, drei Wochen daraus, bis das Ergebnis überzeugte. Und wir sprechen von einem Film mit gut 295.000 Bildern.

Sonst wirkt 3D wie Zuckerguss, draufgeklatscht, und degradiert Kino wieder zu dem, was es ganz am Anfang war: eine Schaubudensensation. Cameron, ein Kontrollfreak, achtete aber darauf, dass es im Zweifel nicht um mehr Tiefeneffekte ging, sondern darum, dass das Bild so natürlich wie möglich aussieht. Es kommt ihm zugute, dass er "Titanic" einst nicht mit Stakkato-Schnitten, sondern in epischem Bilderfluss erzählte. Die langen Kamerafahrten und -flüge in und um das Luxusschiff und das Wrack wirken jetzt noch spektakulärer - aber nur, weil man ihnen die Zeit lässt, um zu wirken. Irgendwann, das ist wohl das größte Kompliment, nimmt man 3D als solches gar nicht mehr wahr. Einmal erhalten nicht nur die Bilder, sondern auch die Geschichte mehr Tiefe. Wenn alle 3-DFilme so aussähen, kann man doch an eine Zukunft des Formats glauben. Die Hollywoodbosse jedenfalls sollten hier alle noch mal nachsitzen, um sich belehren zu lassen, wie man 3D am besten einsetzt.