Mojca Erdmann

Eine Femme fatale, neu interpretiert

Mojca Erdmann steht vor ihrer größten Herausforderung: Die Sopranistin muss in der Staatsoper Opfer und Verführerin zugleich sein

Diese Frau ist angespannt. Da tut ein bisschen Ruhe für das Gespräch ganz gut. "In meinem Kopf dreht sich schon alles wegen der Lulu. Aber ihre Fallhöhe hat mich schon immer fasziniert", sagt sie. Heute singt sie die Lulu in der großen Festtage-Premiere.

Kaum eine Sopranistin in Deutschland ist derzeit so gefragt wie Mojca Erdmann. Ihre Engagements reichen bis in die Spielzeit 2015/16. Kritiker schreiben von der "gescheiten, leidenschaftlichen, gestaltungsfreudigen Sängerin" ("FAZ") und ihrer Stimme, "deren absolute Reinheit stets auch einen warmen Kern hat" ("SZ"). Sie stand 2009 als Proserpina 70 Minuten allein auf der Bühne, 2010 sang sie bei den Salzburger Festspielen in "Dionysos" drei Frauenrollen. Jetzt also die Lulu. Unter Stardirigent Daniel Barenboim in einer Inszenierung der vielfach preisgekrönten Regisseurin Andrea Breth zu singen, ist für die Sängerin eine große Ehre. "Ein besseres Angebot hätte es nicht geben können", sagt sie.

Projektionsfläche für Männer

Die Lulu wird ihre bisher anspruchsvollste Rolle sein. Frank Wedekind vollendete Anfang des vergangenen Jahrhunderts seine Tragödie über das Mädchen Lulu, das ihr Leben lang zwischen den Männern hin- und hergereicht wird, um als Projektionsfläche für deren Begierde zu dienen. Als sie erkennt, welche Macht ihr das verleiht, rächt sie sich bitterlich. Eine männermordende Femme Fatale, könnte man meinen. Mojca Erdmann will ihre Lulu nicht als Täterin begreifen. Die Männer missbrauchen und vergewaltigen sie, führen sie schließlich in die Prostitution. "Sie ist ein wahnsinnig armes Geschöpf, das ihr Leben lang auf der Suche nach reiner, bedingungsloser Liebe ist", sagt sie. Lulu sehne sich nach Nähe und habe gleichzeitig Angst davor, weil sie weiß, dass sie die Männer in den Abgrund stürzt. Die Darstellerin hat Verständnis für ihre Lulu, nur dass der Tod der einzige Ausweg sein soll, weil sie keine Liebe finden kann, das bleibe schwer nachvollziehbar.

Ob sie lieber Opfer oder Täterin spiele? Sie denkt lange nach. Ihre Rolle verbinde beides, die Abhängigkeit von den Männern, aber auch die Rache an ihnen. Und sogar die werde durch die Männer wieder gespiegelt. Lulu erinnere sie an das Stockholm-Syndrom. Das unterdrückte Opfer, das Zuneigung für ihre Peiniger empfindet und dadurch in eine Abhängigkeit gerät. Die Sängerin sitzt auf einem Stuhl in der Bibliothek der Oper. Schön sieht sie aus. Kurzer Jeansrock, schwarze Strümpfe, Ringelpulli. Die blonden langen Haare hat sie ordentlich zu einem Dutt sortiert. Mojca (sprich "Moitza") ist ein slowenischer Name und heißt Maria. Ihr rechtes Bein liegt in S-Form zweimal um das linke geschlagen. Die schmalen Halbmonde unter ihren Augen erzählen von der letzten Nacht, in der sie fünf Stunden lang nicht einschlafen konnte. Trotzdem hat sie etwas Erfrischendes, wirkt, als höre sie jede Frage zum ersten Mal. Durch den Glastisch kann man sie dabei beobachten, wie sie ihre Finger knetet. Es wird eine Herausforderung für sie sein, diese Frau zu spielen, die alles erlebt hat, womit das Leben aufwarten kann. Erdmann wird nur erahnen können, wie sich eine Frau fühlen muss, der unter den härtesten Umständen ein sozialer Aufstieg gelang, nur um danach noch viel tiefer fallen zu müssen. Von der Lebenserfahrung einer Lulu ist die 36 Jahre alte Hamburgerin soweit entfernt, wie das tiefe G vom hohen C. Aber ihre Stimme wird es richten.

Wer in der Biografie der Sängerin liest, sollte entweder schon in der Grundschule fehlerfrei Rachmaninow gespielt haben oder ein starkes Selbstbewusstsein mitbringen: Bereits als Sechsjährige spielte sie Geige, sang im Kinderchor der Hamburgischen Staatsoper, später gewann sie Wettbewerbe, studierte Violine. Als sie 21 Jahre alt war, engagierte sie die Komische Oper. Sieben Jahre blieb sie dem Ensemble treu, aber unentdeckt. Sie spielte die Zofen, das Blondchen, eben die Unschuldigen. An der Lulu fasziniert sie nun, dass sie sich immer etwas Kindliches, Naives bewahre.

Kann sie nachvollziehen, wie Lulu in den Strudel der Abhängigkeiten geraten konnte? Das müsse an der Herkunft liegen, Lulu, das Findelkind, hatte keine Eltern, die ihr ein Selbstwertgefühl vermittelt haben. Die Männer werden für sie zum Lebensmittelpunkt, das könne ja nicht gut gehen. Ob sie an bedingungslose Liebe glaube? "Das wäre natürlich die ideale Liebesbeziehung, wenn sie frei von Erwartungen ist." Aber das es eben nicht immer so sei, das kenne ja jeder.

Derzeit spielt die Arbeit mit der Stimme die einzige Hauptrolle in Mojca Erdmanns Leben. "Für mich steht die Musik immer an erster Stelle, dass es einmal anders sein sollte, kann ich mir momentan nicht vorstellen." Überhaupt habe sie gerade nicht das Bedürfnis, eine Familie zu gründen. Sie sehe bei Kolleginnen, welch Anstrengung und wie viel Organisationstalent beides erfordere. Nein, gerade solle alles so bleiben, wie es ist.

Festtage im Schiller-Theater, Charlottenburg. Termine: Heute (Premiere), 4., 9., 11., 14. April, jeweils 19 Uhr.