Bugatti taucht auf

Im Trüben fischen

"Bugatti taucht auf": Das Romandebüt von Dea Loher, Deutschlands erfolgreichster Dramatikerin

Am 1. Februar 2008, soviel steht fest, fuhr Damiano Tamagni mit einem Freund gegen halb acht am Abend nach Locarno. Es war die Nacht des Stanociada, des Karneval. Er sah lustig aus. Er war 22. Und trank viel an diesem Abend. Alle tranken viel. Es wurde sein letzter Abend. Ein Rempler, eine falsche Bewegung, eine falsche Begegnung. Damiano Tamagni wird zusammengetreten von drei Männern. Es gibt ein Geräusch in seinem Nacken. Die drei Männer gehen weg, feiern weiter.

Am 2. Januar 1916 dichtet der begnadete Tierbildhauer Rembrandt Bugatti, Bruder des Autogenies Ettore Bugatti, für dessen Kühlerhauben er Elefanten modelliert hat, die Ritzen seines Zimmers ab und dreht den Gashahn auf. Die Ränder seines Ichs sind verschwommen, schreibt er in sein Tagebuch, das Dea Loher gerade erfunden hat. Um ihn, schreibt er, ist Meer geworden. Er schläft bei den Tieren, für die Menschen, zur Liebe taugt er nicht. "Die Liebe scheint mir ein unmöglicher Zufall. Ich bin nicht geschickt oder träge genug, dass mich dieser Zufall finden könnte." Und dann schreibt er noch: "Und eines kann ich noch: meinen Tod."

Bergung einer Gewalttat

Am 12. Juli 2009 wird in der Nähe von Ascona ein Auto aus dem See geborgen. Besser gesagt: das, was von diesem Auto übrig ist. 72 Jahre lang hat es in fünfzig Metern Tiefe gelegen. Ein Bugatti Typ 22 Brescia, 30 PS, ein Roadster, leicht gebaut, enorm schnell und sehr blau wie alle Bugattis. Seit 1967 wusste man, dass er da lag. Eine Radnabe ragte aus dem Modder. Immer wieder war nach ihm getaucht worden. Gehoben wurde er im Angedenken an ein Mitglied der Tauchgruppe Ascona, das ein Jahr zuvor ermordet worden war. Nach einem Rempler, einer falschen Bewegung, im Karneval von Tessin - im Angedenken an Damiano Tamagni.

Eine verrückte, eine verzweifelte Idee. Als könnte das Heben des versenkten, ertränkten Autos das Universum oder wenigstens das Tessin nach dem Tod des erschlagenen Jungen wieder in eine Balance bringen. "Etwas gutartig Schönes", so lässt Dea Loher sich ihren Unterwasserunternehmer Jordi das ausdenken mit der Bergung, könnte der gerettete Bugatti werden, "dessen Kraft einen Teil der Gewalttat überstrahlen könnte; etwas das dem Schrecken und der Hysterie, die diesen Mord umgaben trotzen konnte; etwas Unfertiges, Fragendes, das Fantasien und Interesse auf sich zog; eine Geschichte, die von irgendwoher kam und von der man nicht sagen konnte, wo sie enden würde. Ein Riesending, ein Zartes."

Jordi denkt das. Und es ist nichts anderes, als das Projekt der Dea Loher, das er denkt. Es handelt von Schuld und von Erlösung, und von Menschen, die Menschen fremd bleiben. Und alles verwirbelt sich um die Nacht des 1. Februar 2008. In einem Ballett der Zeugenaussagen rekonstruiert Loher, wie Damiano Tamagni, der im Roman Luca Mezzanotte heißt, zu Tode kam. Und rekonstruiert es wiederum gerade nicht. Lässt das Unfertige, das Fragende aufscheinen über den Akten, aus denen sie zitiert, aus denen sie immer wieder referiert, wie sich Zeugen, Täter später erinnern werden. Das Unfassbare der Tat wird Sprache, in dem es gerade nie wirklich Sprache wird, eine Suchbewegung bleibt, ein Stimmenspiel sich zum Teil heftig widersprechender Aussagen. Da werden die Biere mitgezählt und die Uhrzeiten verzeichnet, wann wer wo war. Und je konkreter vorgibt zu sein, was zu lesen steht, desto verschwommener, verwischter wird alles. Es ist, als läse man das Gedächtnisprotokoll eines Menschen im Wachkoma.

Flankiert wird Luca, der nie wirklich Person wird, immer Opfer bleibt, von zwei grandiosen Figuren, zwei grandiosen Brüdern. Rembrandt und Jordi sind Variationen eines Phänotyps. Verlorene, aus ihrer Welt fallende, neben den Menschen lebende Einzelgänger, die eine Haltung, nach einer Verankerung in der Wirklichkeit ringen und eine Haltung zu den Frauen. Die sich sehnen nach Kindern, nach "Rausch, Familie", nach dem, was ihre Brüder leben und gleichzeitig genau um ihre Unfähigkeit dazu wissen. Zarte Misanthropen, weil man, wie Jordi denkt, die Sprache des Universums nur abseits der Menschen lernen und verstehen kann, weil das Zarteste, was sich - jedenfalls von Rembrandt - denken lässt, eben nicht eine Frau, sondern ein Flamingo ist.

Das Leben, ein Sichaufbäumen

"Ich wäre gerne ein anderer", schreibt Rembrandt. So stolpert er und stottert, taucht er und schreibt sich in sich hinein und in den Tod. "Nur uns", schreibt er, als er am Hafen totgeweihten Pferden begegnet ist, "uns ist es nicht egal, ob wir eines natürlichen Todes sterben oder geschlachtet werden. Und unsere Gesichter, manchmal, oft, sagen sie, gebt mir Zeit, helft mir ein bisschen, schwarz ist die Kirche um mich." Wie Dea Loher Rembrandts Kreisen um eine eigene Sprache, um das Wesen seiner Existenz in dieser Tagebuch gewordenen Lebensbeichte nacherzählt, ist mindestens ebenso grandios wie die sprachlich gänzlich anders geartete Tathergangserzählung vom Mord an Luca, die ihr im Roman ohne Übergang folgt.

Und dann kommt also Jordi: Metaphysik mag er nicht, sagt er, das Leben, sagt er sich, wäre nichts anderes, "als ein einziges Sichaufbäumen gegen all das, was geeignet war, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen und uns glauben zu machen, dass unsere Existenz vergeblich und wertlos war. Das war sie zwar, womöglich, aber der Trick war doch am Ende, es nicht so aussehen zu lassen." Jordi ist eine ganz eigene, eine ganz hinreißende Figur. Eines der ganz großen Männerporträts der letzten Jahre. Alles läuft in seiner Geschichte zusammen, die Linien, die Motive, manchmal begegnen uns sogar die Figuren wieder. Jordi ist einer, der es auf einmal leid ist, in den Spuren anderer zu gehen, der seinen drogensüchtigen Bruder, der "ihm alles genommen hatte, den Rausch und die Familie", gerettet und verflucht hatte, der bei Lucas Vater vor dem Fernseher sitzt und Pferderennen im Fernsehen sieht zum Trost, und sich eingestehen muss, dass sein Leben zerfasert wie das Rembrandts, dass er den Faden verloren hatte, "die Dinge in seinem Leben nicht mehr zusammenbekam".

Jordi, so einer ist er, steht jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf, weil kein Tag ohne ihn beginnen soll. Auszeiten hat er sich genommen jedes Jahr von seiner Tauchfirmenleitung, ist in Gegenden gefahren ohne Menschen, in denen er die Sprache des Regens verstehen lernen konnte. Die verrückte, verzweifelte, die zarte Tat für Luca Mezzanotte, das Riesending, ist alles, bloß nicht uneigennützig, aber das merkt er erst allmählich. Sie dient ihm als Katalysator endlich zu dem werden zu können, der er war. Es ist ein wunderliches Buch. Aber schön.

Dea Loher: Bugatti taucht auf. Wallstein, Göttingen. 207 Seiten, 19,90 Euro.