Alice im Wunderland

Männer in Hasenkostümen

Zwischen Sushi-Theke und Damenwäsche: Bei "Alice im Wunderland" hüpft ein Ensemble durch die Karstadt-Filiale in Neukölln

Stiefermann ist Regisseur mit Ballettausbildung und Antje Rose spielt die Alice in, jaja, "Alice im Wunderland".

Und das natürlich nicht irgendwo, sondern im Karstadt am Hermannplatz, und auch nicht irgendwann, sondern während der Öffnungszeiten und zwischen Sushi-Theke und Damenoberbekleidung. Die Veranstaltung hat bestimmt auch irgendeine tolle, echt schräge Botschaft. Nur welche? "Konsumkritik im Karstadt, das wäre mir zu platt", sagt der Regisseur. Es gehe mehr um Verführung. In einer Stunde ist Premiere. Na dann.

Um 18 Uhr stehen um die dreißig Zuschauer vor dem vereinbarten Treffpunkt in der U-Bahn-Halle vor den ins Geschäft führenden Rolltreppen. Karstadt-Bändchen mit einem Zuschauerpass werden verteilt. Denn während der Aufführung gelangen die Besucher auch in sonst nur den Mitarbeitern vorbehaltene Bereiche. Ein Mann und eine Frau weisen den Weg während der Aufführung, ein Kamerateam stellt noch Mikrofon und Linse ein, der Regisseur steht mitten unter den Besuchern und auch ein Mann in Karstadt-Anzug und mit einem Schild "Herr Gähler" auf der Brust.

Eine Frau im biederen Kostüm schreit in ihr Handy. Es geht um ein Vorstellungsgespräch, zu dem sie wohl zu spät komme. Mit der kleinen Unschulds-Alice aus Lewis Carrolls fantastischem Roman von 1865, den ja doch nur alle als Zeichentrick- oder Johnny-Depp-Film kennen, hat sie wenig gemein. Aber es gibt ohnehin so viele Alice-Deutungen, die Drogen-Alice, die Lolita-Alice, warum nicht auch die Bewerbungs-Alice?

Die Zuschauer folgen dem gerade erschienenen Mann im Hasenkostüm. Im Dekokeller stehen lauter ausrangierte Weihnachtsmänner und Nussknacker. Dazu schallen Klänge des Theatermusikers Sir Henry aus den auf dem Weg angebrachten Boxen. Der Henry, auf den Frank Castorf bei seinen Inszenierungen gerne zurückgreift. Regisseur Stiefermann ist derweil außer sich. "Ich bring die um", hustet er zu seinem Begleiter. Mit "die" meint er das Kamerateam. "Die standen Alice jetzt schon wieder im Weg". Die Pressefrau übersetzt die Morddrohung diplomatisch in ein "Würden Sie vielleicht bitte...?" und alles ist gut.

Inzwischen hat die Gruppe eine Fahrt mit einer unter Panikattacken leidenden Alice im Lastenaufzug hinter sich, als sie auf die rauchende Raupe treffen. Die raucht im Kaufhaus freilich nicht. Und ihr Raupenkleid ist ein übergroßer Strickschlauch. Der Dialog, dessen zentraler Punkt in der Buchvorlage die Bedeutung von Größe ist, handelt hier von Kleidergrößen. Alice, als Frau, schummelt natürlich bei der richtigen Größenangabe. Kleider fliegen durch die Luft.

Herr Gähler lächelt zufrieden in seinen grauen Schnurrbart. Die Bügelfalten seiner Anzughose sind nicht mehr ganz adrett, aber für den Schauwerbeleiter des Kaufhauses läuft es prächtig. Die Gruppe hat Spaß, Käufer bleiben stehen, schauen verdutzt. Nur ein Rentner will bei einem Duell zwischen dem Sicherheitsmann Gato (die Grinsekatze) und Alice eingreifen. Spätestens nach zwei Minuten merkt aber jeder, das ist irgendwie Kunst.

Das ist aber gleichzeitig das Problem, ein "irgendwie" reicht halt nicht. Selbst für Zuschauer, die Alice im Wunderland durchs Buch und durch die Filme gut zu kennen meinen, tun sich schwer, dem genauen Verlauf der Performance zu folgen. Klar ist das böse, wenn Abteilungsleiterin Königin und Abteilungsleiter König alle feuern wollen. Es ist auch nett anzusehen, wenn sie dazu wohl choreografiert tanzen und "Corporate Identity" rufen und später ein Sturm von "Mit fünf Mark sind sie dabei", "25 Prozent auf alles" und welche Werbeslogans auch immer über die Gruppe jagt. Aber was soll das Ganze eigentlich?

Karstadt am Hermannplatz, Neukölln. 31.3., 2.-5.4 und 7.4., 15 + 18 Uhr