Karl May

Mehr als Pulverdampf und Hufgetrappel

Vor 100 Jahren starb der Schriftsteller Karl May. Er schuf einen märchenhaften Wildwestkosmos, der die Deutschen bis heute noch fasziniert und erstaunlich zeitlos geblieben ist

Zu Mays populären Verehrern zählen Albert Einstein und Thomas Gottschalk, Dieter Bohlen und Bert Brecht. Begeistert bekannte der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa 2006: "Nicht Karl Marx, sondern Karl May habe ich als junger Mann verschlungen." 1962, vor 50 Jahren, setzte mit "Der Schatz im Silbersee" die Karl-May-Filmwelle ein. Sie wurde der bis dato größte Kassenerfolg des deutschen Nachkriegskinos. Pierre Brice und Lex Barker verkörperten als Winnetou und Old Shatterhand nicht nur ein den Deutschen altbekanntes Wild-West-Freundespaar, sondern symbolisierten auch neue politische Allianzen.

Als Mario Adorf kürzlich mit der Goldenen Kamera für sein Lebenswerk geehrt wurde, durfte seine populärste Rolle nicht unerwähnt bleiben: Als Santer meuchelte er 1963 vor den schreckgeweiteten Augen hunderttausender Kinobesucher Winnetous rehäugige Schwester Nscho-tschi. Damit waren Old Shatterhands Ehehoffnungen grausam zerstört. Ohne Rücksichten auf häusliche Verpflichtungen - ein Jahr später scheiterten im Mittelteil der Saga auch Winnetous Heiratspläne - ritten die Blutsbrüder nun 1968 in den jugoslawischen Sonnenuntergang. 2001 verwies Bully Herbigs Parodie dieser Erfolgsserie, "Der Schuh des Manitu", mit über zehn Millionen Kinobesuchern internationale Großproduktionen auf die Plätze. Naturbühnenaufführungen zwischen Elspe und Bad Segeberg ziehen allsommerlich Alt und Jung in ihren Bann.

Die Gesamtauflage seiner Romane überschritt bereits vor Jahren 100 Millionen, die Forschungsliteratur ist kaum noch überschaubar und die Karl-May-Gesellschaft eine der größten und aktivsten literarischen Vereinigungen Deutschlands. Mittlerweile dokumentiert sogar eine "Karl-May-Chronik" auf 3000 Seiten akribisch die 25600 Lebenstage des Kultautors. Derartiges blieb bislang Größen wie Goethe oder den Beatles vorbehalten. Wie beim Weimarer Klassiker oder den "Fab Four" mangelt es auch im Leben des sächsischen Fabulierers nicht an Höhen und Tiefen. Aufgrund krimineller Delikte verbrachte er acht Jahre in Arbeitshäusern und Gefängnissen. Nach dem kometenhaften Aufstieg zum literarischen Superstar der Neunziger waren die Jahre nach 1900 bis zu seinem Tod von Anfeindungen, Verleumdungen und juristischen Auseinandersetzungen überschattet.

Trapper- und Indianer-Universum

Doch lohnt eigentlich heute, im Zeitalter des Internets, noch der Griff zu den "Grünen Bänden" - steckt hinter Karl May mehr als Lagerfeuer, Pulverdampf und Hufgetrappel? Obwohl sein Oeuvre eine erstaunliche Breite aufweist, sind es zwei Regionen, deren fantasievoller Beschreibung der Autor seine Popularität verdankt: Mit seinen Romanen um den edlen Apachenhäuptling Winnetou schuf er sein ganz eigenes Trapper- und Indianer-Universum, das das Bild der Deutschen von der Besiedlung des amerikanischen Westens und der brutalen Unterwerfung seiner Ureinwohner nachhaltig prägte. Auch wenn sein märchenhafter Wildwestkosmos mit der schmutzigen Realität wenig zu tun hat, bleibt eines unbestritten: Dass die Anteilnahme am Schicksal der indigenen Bevölkerung der USA bis heute nirgends so groß ist wie im deutschsprachigen Raum, verdanken wir Karl May.

Der andere populäre Handlungsraum seiner Bücher ist der Nahe Osten. Mit seinem Orientzyklus prägte May dessen Bild bei den Menschen zwischen Zugspitze und Kap Arkona wie kein anderer Autor. In sechs Romanen beschreibt er den abenteuerlichen Ritt seines Alter Ego Kara Ben Nemsi, assistiert von dessen "Freund und Beschützer" Hadschi Halef Omar, von Nordafrika bis in den Balkan. "Durchs wilde Kurdistan" oder "Von Bagdad nach Stambul" spielen vor dem Hintergrund des Zerfalls des Osmanischen Reiches im ausgehenden 19. Jahrhundert. Trotz des historischen Umfeldes wird gerade in diesen Büchern Mays Aktualität ebenso erstaunlich wie bestürzend deutlich.

Konflikte einer Region

Spätestens seit dem 11. September 2001 steht der Nahe Osten erneut im Mittelpunkt westlichen Interesses. Alle im Orient-Zyklus agierenden Nationen und Ethnien leiden damals wie heute unter den Konflikten der Region. Allerdings haben sie für die Leser längst ihren "exotischen" Status verloren. So leben inzwischen in Deutschland weit über eine halbe Million Kurden. Mays Bücher vermitteln Informationen zum Nahen Osten und zum Islam, die sich so bei keinem anderen populären Autor finden. Mit Halef, dem bettelarmen Araber mit dem großen Mundwerk und dem noch größeren Herzen, setzte er den einfachen Menschen, die heute auf den Straßen von Kairo oder Damaskus für Veränderungen kämpfen, ein Denkmal. Mays Helden leben Toleranz. So betet der deutsche Held Kara Ben Nemsi am Grab eines gefallenen islamischen Freundes die Koransuren des Todes und des Verschließens. Nachdenklich meint er: "Das war ein seltenes Begräbnis. Ein Christ, zwei Sunniten und ein Schiite hatten über dem Grabe des Toten gesprochen, ohne dass Mohammed einen Blitz niederfallen ließ. Was mich betrifft, so glaubte ich keine Sünde zu tun, wenn ich von dem toten Freund Abschied nahm in der Sprache, die er im Leben gesprochen hatte."

Karl May steht mit seinen Morgenland-Phantasien in der Tradition von Lessings Aufklärungsstück "Nathan der Weise". Die Aussöhnung von Orient und Okzident im Sinne von Goethes "West-östlichem Divan" ist ihm ein Anliegen. Mays Gedanken im Roman "Ardistan und Dschinnistan" von 1909 machen den Leser auch über 100 Jahre später nachdenklich: "Der Riese Islam, dessen mächtige Gestalt auf europäischer, asiatischer und afrikanischer Erde ruht, fürchtet sich nicht vor der scheinbaren Übermacht des Abendlandes. Fast alles, was das Abendland besitzt, hat es vom Morgenlande. Seine Religion, seine Kraft, seine Wissenschaft, seine ganze Bildung und Gesittung, seine Cerealien, seine Früchte. [...] Wie unendlich groß ist der Dank, den wir ihm schuldig sind! Und wie haben wir ihm gelohnt? Wie und womit?" May bezeichnet es als "die größte, die wichtigste, ja die heiligste Aufgabe des Abendlandes, das Herz des Orients zu gewinnen, wenn es zukünftige Kämpfe vermeiden will, aus denen es wohl kaum als Sieger hervorzugehen vermag. Und nicht nur nach der Liebe des Orients hat es zu trachten, sondern auch nach seiner Achtung, seinem Vertrauen!"

Aufruf zur Völkerverständigung

Über diese bemerkenswerten Einsichten hinaus verdienen die weniger bekannten Spätwerke wie "Ardistan und Dschinnistan" auch aus einem anderen Grund das Interesse "Harry-Potter"-verwöhnter Leser. Ihre Phantasiewelten, bevölkert von ritterlichen Lichtgestalten, dunklen Herrschern und skurrilen Unterhelden in gigantischen Palästen oder alptraumhaften Landschaften brauchen nämlich den Vergleich mit angelsächsischen Fantasyepen wie "Der Herr der Ringe" oder "Star Wars" nicht zu scheuen. Mays literarische Aufrufe zu Toleranz und Völkerverständigung im abenteuerlichen Gewand machen den großen sächsischen Phantasten auch im Zeitalter von i-Pod und Spiderman zu einer gewinnbringenden Lektüre für Leser jeglichen Alters.

Der Autor Dr. Thomas Kramer, Privatdozent der Humboldt-Universität, widmet sich in seinem Buch "Karl May. Ein biografisches Porträt" (Herder-Verlag, 12,99 Euro) Leben und Werk des Autors.