Wolfgang Niedecken

"'Verdamp lang her' ist unser Fluch"

| Lesedauer: 6 Minuten

BAP-Sänger Wolfgang Niedecken über Fußball, den Schlaganfall und seinen größten Hit

Nach der 1:6-Niederlage seines geliebten FC Köln am Vortag gab es zumindest einen schönen aktuellen Anlass für das Gespräch. Matthias Wulff unterhielt sich mit ihm.

Berliner Morgenpost:

Herr Niedecken, in einem Ihrer Lieder gibt es die Zeile. "Et joov manches zo verkrafte, trotzdämm stommer zum FC." Das passt gut in diese Tage.

Wolfgang Niedecken:

Ich habe es gestern im Gaffel Haus, einer kölschen Kneipe hier in Berlin, angeschaut. Das war schon ein Trauerspiel.

Also, in meinem Tabellenrechner steigt ja Köln zusammen mit Kaiserslautern ab.

Abwarten. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, dass ich mich nach Niederlagen nicht schlechter fühle. Momentan ärgere ich mich einfach nur über das Bild, das der FC Köln abgibt. Der Verein bewegt sich am Nasenring der Boulevardmedien. Entweder traut sich einer mal im Verein, den Kampf gegen den Boulevard aufzunehmen oder man macht das auf alle Ewigkeiten weiter. Man hat sich offenbar entschieden, es auf alle Ewigkeiten weiterzumachen.

Warum tun Sie sich das dann an?

Das möchte ich auch gern wissen. Wenn ich mit meiner Tochter zusammen Champions League schaue, fällt immer wieder der Satz: "Das ist doch ganz schön zu sehen, was man mit einem Fußball alles machen kann".

In einem Porträt über Sie stand der schöne Satz: "Es ist irgendwie gut gegangen, dieses Leben". Das trifft noch immer zu - trotz des Schlaganfalls?

Klar. Beim Schlaganfall ist es optimal gelaufen. Meine Frau hat richtig und schnell reagiert, als sie mich aufgefunden hatte. Daher habe ich keine bleibenden Schäden erlitten. Am längsten hatte ich unter Wortfindungsproblemen zu leiden.

Sie sind schon wieder auf Achse. Müssen Sie sich nicht mehr schonen?

Ich weiß, was ich darf und was ich nicht darf. Ich nehme den Schlaganfall nicht auf die leichte Schulter. Ich werte ihn als dunkelgelbe Karte.

Es gab 1995 ein ergreifendes Interview mit dem Journalisten Hans-Joachim Friedrich, der kurz vor seinem Krebstod gefragt wurde, was er denn vermissen wird, und er sagte: Ein wenig steche es innen schon, dass er 1996 die Fußball-EM nicht mehr sehen werde. Was hätten Sie denn vermisst?

Ich habe keine Pläne, die ich noch abarbeiten möchte. Aber ich möchte gern erfahren, was aus meinen Kindern wird. Meine Söhne wissen noch nicht genau, welchen Beruf sie wählen werden. Manchmal sorge ich mich um sie und ich hätte es vermisst zu erfahren, was aus ihnen wird, und auch vermisst, ihnen eventuell helfen zu können; sie aufzufangen, wenn etwas schief geht.

Das ist schon interessant: Wie unwichtig Karriere und der andere Schnickschnack werden, wenn Kinder da sind.

Das ist bei uns nun einmal so angelegt, das soll bei uns auch so sein. Man sieht sie ihr Leben lang wie die jungen Vögel, die auf dem Nestrand sitzen und nicht wissen, ob sie nun fliegen sollen oder besser warten. Aber man weiß, eines Tages müssen sie halt mal fliegen. Manchmal muss man sich auch schubsen.

Sind Sie ein schubsender Vater?

Zuweilen schon. Aber ich habe keine Verlustängste, die sind mir fremd. Als ich einen Verehrer einer meiner Töchter traf, war ich nicht eifersüchtig, sondern habe nur geschaut, ob der in Ordnung ist. Und ich leide auch, wenn ich zwei Wochen meine Söhne nicht sehe. Jour fixe war eigentlich jedes Heimspiel vom FC Köln, aber die Schlaganfall-Nummer hat alles etwas durcheinandergebracht.

Der Künstler Niedecken und seine Band BAP sind ja vor allem durch "Verdamp lang her" bekannt geworden, das Lied liegt jetzt 30 Jahre zurück. Sind Sie ein One-Hit-Wonder?

Das ist jetzt aber ein böses Wort. "Verdamp lang her" hat uns bekannt gemacht, aber ist auch ein bisschen unser Fluch. Was kommt im Trailer bei der Jauch-Sendung am vergangenen Sonntag? "Verdamp lang her". Was mussten wir vergangene Woche zum Schluss beim "Echo" spielen? "Verdamp lang her". Wir sind uns des Problems schon sehr bewusst: Aber was sollen wir dagegen machen? Wir hatten etliche Hits, aber wir werden mit diesem Lied immer in Verbindung gesetzt werden.

Als ich Marc Almond im letzten Winter auf einem Konzert hier sah, musste der arme Junge auch zum zehntausendsten Mal "Tainted Love" singen. Da muss man durch.

Mit "Verdamp lang her" haben wir Glück, dass es ein ordentliches Lied ist. Eine Qual wäre es, wenn es eine schlimme Nummer gewesen wäre. Aber wenn wir keine Lust mehr auf das Lied hätten, würden wir es auch nicht mehr spielen.

Kaum zu glauben.

Oh doch, wir hatten eine komplette Saison mal "Kristallnaach" nicht mehr gespielt. Wir hatten einfach keinen Bock mehr. So ein andächtiger Song kann einen den kompletten Abend versauen, wir mussten uns immer politisch korrekt auf der Bühne verhalten und dachten uns: Wir lassen es jetzt mal.

Im Nachhinein erscheint es doch kurios, dass BAP groß wurde genau zu der Zeit, als auch New Wave, Synthie-Pop und Punk den Zeitgeist bestimmten.

Wir hatten ja auch keinen Masterplan, wir hatten null Plan, wir haben halt in wechselnder Besetzung gespielt und so gut, wie wir konnten. Am Anfang hat das ziemlich geruckelt, mein lieber Mann, aber in Köln hat es bei unserem ersten Konzert reingehauen. Und irgendwann kam der Gedanke: Wir könnten ja auch davon leben.