Konzert

Wagners "Tristan": Liebestragödie in voller Lautstärke

Die Idee der schieren Lautstärke, die Wagner von Berlioz und Meyerbeer übernahm, ist populärer denn je. Spielt ein Orchester nicht im Graben, sondern auf dem Konzertpodium, erhöht sich der Schalldruck.

Die Sänger müssen dann, obwohl vor dem Orchester postiert, gegen einen Orkan ankämpfen. Und das Publikum versucht nach der Aufführung, mittels Applaus und Gebrülle ähnliche Frequenzen zu erreichen. Wagnerianer lieben es, wenn's richtig bimmelt. Sie wurden von Marek Janowskis "Tristan und Isolde" in der Philharmonie bestens bedient. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) bestach durch einen machtvollen und homogenen Mischklang, der für Feinheiten genug Spielraum ließ, die Sängerriege bewährte sich fast durchgehend auf hohem Niveau. Die Tempi waren zügig, insofern ein durchaus moderner Wagner.

Zweifellos ist Nina Stemme eine fantastische und starke Isolde, aber Isolde ist nicht Brünnhilde. Und Tristan ist nicht Siegfried. Was Frau Stemme noch durch vokalen und auch darstellerischen Glanz überdeckte, entblößte Stephen Gould auf geradezu heillose Weise: dass sich die künstlerisch (nicht stimmlich!) anspruchvollste Tenorpartie des Opernrepertoires nicht im Brustton der Professionalität runtersingen lässt! Gould musste bei jedem Intervallsprung forcieren, er klebte am Text, verschenkte im 2. Aufzug die schönsten, tiefsinnigsten Passagen und kam erst mit der Moritat "Dem Land, das Tristan meint" in Form. Wie ausgewechselt präsentierte er sich im 3. Aufzug und rettete auf diese Weise den Abend, zu dem neben Nina Stemme vor allem Michelle Breedts Brangäne und Kwangchul Youn als eleganter und gleichwohl durchdringender König Marke beitrugen. Und Marek Janowski? Er hatte den Riesenapparat stets im Griff, sorgte für eine zu recht bejubelte Ensembleleistung von RSB und den Herren des Rundfunkchores.

( tar )