Deichkind live

Leider taub

Wer zu einem Konzert der Krawall-Kombo Deichkind geht, bekommt schon mal zu hören: Ich hoffe, du hast danach mindestens drei Tage frei. Kein Wunder. Denn wer einen Auftritt der unermüdlichen Hamburger durchstehen will, muss fit sein. Zwei Stunden Cardiotraining muten dagegen wie ein Sonntagnachmittag in der Hängematte an.

Also alle Mann aufstellen zum kollektiven Volkssport: Die Turnhalle heißt an diesem Abend Columbia, das Energiegetränk Bier. Vorne stehen Mädchen mit farbigen Sternen um die Augen und Knicklichtern um den Hals, hinten Jungs mit Müllsäcken auf dem Kopf und neonfarbenen Schuhen. Die wildeste Party der Stadt kann beginnen. Bässe ballern durch die Halle, die Fitnesstrainer springen auf die Bühne: Sechs Hamburger, darunter die drei Hauptakteure Ferris MC, Philipp Grütering und Sebastian Dürre legen los mit leichten Aufwärmübungen im Elektro-Trash-Takt: Hampelmann, Arme hoch, Knie hoch, mitsingen. Wie auf einem Trampolin springt die Menge auf und ab, wer nicht rechtzeitig abhebt, dem wumsen schnell mal 80 Kilo Partylaune auf die Zehenspitzen.

In futuristischen Outfits, mit leuchtenden Dreiecken auf Kopf und Brust rappen sie ihre Texte vom neuen Album "Befehl von ganz unten", deren Inhalte zwischen Generation Golf und Generation Praktikum anzusiedeln sind. Als unpolitisch, verwöhnt und gelangweilt hat schon Florian Illies seine Generation beschrieben, Deichkind fordern, "ich will Eiswürfel in Pyramidenform in mein Lieblingsdrink hinein" ("Pferd aus Glas"). Die Prioritäten sind klar gesetzt, subtile Kritik wird hier nicht geäußert, Spaß macht's trotzdem. "Bück dich hoch" gibt zwar prollig aber auch ein bisschen wahr den Arbeitsalltag vieler Praktikanten wieder, wenn es heißt: "Fleißig Überstunden, ganz normal! Unbezahlt, scheiß egal, keine Wahl!" Niemand rechnet mit mehr als Haus-auf-Maus-Reimen. Die Fans wollen an diesem Abend nicht denken, sie wollen feiern.

Die Bühne verwandelt sich in einen Spielplatz, auf dem die sechs Hüpfburgen aufbauen, sich in Pferdekostüme quetschen und den Anker lichten, um in einem Schlauchboot über ein Händemeer durchs Publikum zu rudern. Grelle Perücken, Neonbänder, Masken, alle paar Minuten holt einer ein weiteres Spielzeug aus den dreieckigen Stellwänden hervor. Regisseur Henning Besser hat drei Jahre an der Bühnenshow gearbeitet. Die größte Schwierigkeit dabei: alles soll trotzdem spontan und leicht wirken. 80 Prozent der Einnahmen erzielen Deichkind mit ihren Auftritten. Die müssen also sitzen. Wenn sie mit ihren bemalten Bierbäuchen und weißen Regenschirmen im Schwarzlicht eine Mary-Poppins-gleiche Choreographie hinlegen, ist das zwar albern, aber auch perfekt choreographiert.

Jede Handbewegung, jeder Schritt, jeder Lichteinsatz sitzen auf den stumpfen Elektrobeats. Zum Lachen bleibt wenig Zeit, es muss schließlich getanzt werden zum neuen Hit "Leider Geil", zum alten Krawall-Song "Remmidemmi" und zu "Bon Voyage" mit dem Deichkind 2000 bekannt wurden. Nach zwei Stunden sehen die meisten aus, als hätten sie einen Halbmarathon hinter sich. Abkühlung gibt es in Form einer Bierdusche aus einem Riesenfass und Wasserpistolen. Pitschnass aber zufrieden verlassen die Fans ihre Turnlehrer und bleiben für die nächsten drei Tage wahrscheinlich: leider taub.