Senta Berger

"Alterung ärgert mich"

So hat man Senta Berger noch nie gesehen. Mit weißen Haaren, ungeschminkt, verzweifelt und todessehnsüchtig. Seit gut vier Jahren hat die 70-Jährige eine neue Alterskarriere im Charakterfach gemacht.

In Filmen wie "Schlaflos", "Frau Böhm sagt Nein" oder jetzt die Daniel-Kehlmann-Adaption "Ruhm". Peter Zander hat mit der Schauspielerin gesprochen.

Berliner Morgenpost: Erfordert das Mut, sich so alt, mit weißem Haar zu zeigen?

Senta Berger: Nein. Es macht sogar diebisches Vergnügen. Wenn es glückt. Ich scheue da keine Mühen, ich bin sogar radikaler als meine Außenwelt. Während der Außenaufnahmen zu "Ruhm" haben mich Leute auf der Straße überhaupt nicht erkannt. Und dann sind sie, so nach zehn Schritten, furchtbar erschrocken, sind umgekehrt und haben besorgt gefragt: Was ist denn nur passiert, wo sind denn Ihre roten Haare? Das fand ich sehr süß.

Berliner Morgenpost: Sie haben in den letzten Jahren immer öfter ältere, auch gebrochene Figuren gespielt, ungeschminkt, mit Mut zum Alter. Ist das Zufall oder eine neue Herausforderung?

Senta Berger: Sie sind zu jung dafür. Aber etwas Ähnliches habe ich schon gehört, als ich "Die schnelle Gerdi" gespielt habe: Wieso spielen Sie jetzt eine Taxifahrerin, eine Proletarierin? Aber das war mein damaliges Lebensgefühl, ein herrlicher Zustand von Kraft und Frechheit. Natürlich verändert man sich. Und was sich eindrückt in Jahrzehnten, das kann man dann auch ausdrücken. Ich bin dann auch in meinen späten Jahren als Frau erkannt worden, der man Charakterrollen anvertrauen kann. Das war aber keine radikale Gewalttour; mehr so ein Hineingleiten ins nächste Lebenskapitel. Auch schauspielerisch.

Berliner Morgenpost: Ärgert Sie das, dass das Charakterfach nicht früher an Sie herangetragen wurde?

Senta Berger: Nein, gar nicht. Um es mit Hofmannsthal zu sagen: Jedes Ding hat seine Zeit.

Berliner Morgenpost: Ich weiß, man soll nicht nach dem Alter fragen. Aber Sie sind vergangenes Jahr 70 geworden. War das eine Zäsur für Sie?

Senta Berger: Also, eine Zäsur in dem Sinn, dass da ein Beil fällt, war es nicht. Aber durch den Blick der anderen auf die Zahl 7 auf der Torte habe ich mich beeindrucken lassen. Bis zu meinem Geburtstag habe ich mich darüber lustig gemacht, was sich denn ändern soll. Aber jetzt sehe ich durch den Blick von außen, dass sich etwas ändert, und damit muss ich mich auseinandersetzen. Die 7 würde mir nichts ausmachen; aber der Alterungsprozess, der immer sichtbarer wird, ärgert mich schon. An den muss ich mich jetzt mal gewöhnen. Da bin ich aber auch sehr tapfer.

Berliner Morgenpost: "Ruhm" ist, nach "Satte Farben vor Schwarz", schon Ihr zweiter Film über Sterbehilfe. Liegt Ihnen das Thema am Herzen?

Senta Berger: Das hat sich einfach so ergeben. Aber es hat sich so ergeben, weil es ein Thema unserer Gesellschaft ist. Insoweit beschäftige ich mich auch damit. Als Teil der Gesellschaft, nicht persönlich. Es ist einfach noch kein vorstellbares Thema für mich. Es bleibt reine Theorie. Und solange es das bleibt, geht man anders damit um, nicht leichter, aber unbefangener.

Berliner Morgenpost: Müsste Sterbehilfe legalisiert werden?

Senta Berger: Es gibt auch in meiner Familie ganz dramatische Fälle. Langsames, schreckliches, qualvolles Dahinsiechen. Da ist der Wunsch, diesem Zustand ein Ende zu setzen, sehr stark und aufrichtig. Es sollte eine Beratungsstelle geben, die vielleicht in Krankenhäusern eingerichtet werden kann. Mein Mann, der Medizin studiert hat, hat allerdings eine ganz andere Position. Die Verantwortung wäre ihm viel zu groß vom ethischen Standpunkt her. Er hat ja den hippokratischen Eid geschworen. Andererseits: Das hindert die Ärzte in Amerika nicht daran, bei der Todesstrafe dabei zu sein. Diese Art von Doppelmoral muss man mir auch mal erklären.

Berliner Morgenpost: Da der Filmtitel "Ruhm" heißt, liegt die Frage nahe: Was bedeutet Ihnen Ruhm?

Senta Berger: Man denkt doch nicht von sich selbst in diesen Begriffen. Ruhm? Da sehe ich den Lorbeerkranz auf Goethes Haupt. Aber selbst die, die Ruhm wirklich verdienen, die Wissenschaftler, die für uns so viel leisten, sind nicht berühmt, wollen es wohl auch nicht sein. Für mich ist Ruhm eine sehr angreifbare Sache. Wenn man sagt, Sie sind doch ein Weltstar gewesen, das ist ein so dummes Wort. Sicher, die amerikanischen Filme liefen überall, man kannte mich deshalb, aber was bedeutet das? Naomi Campbell ist auch ein Weltstar, weil man ihre Fotos überall sieht. Das müsste schon gefüllt werden mit etwas. Wenn Ruhm gefüllt ist mit Anerkennung, mit einer gewissen Freiheit sich zu bewegen, ist das schön. Aber Ruhm bedeutet sicher auch Verantwortung. Und, gerade bei Stars in Amerika, auch eine große Last. Da bewegen wir uns hier in unserem sehr viel kleinen Radius doch sehr viel leichter.

Berliner Morgenpost: Können Sie denn ungehindert einkaufen oder spazieren gehen?

Senta Berger: Nicht immer. Wenn wir spazieren gehen oder Ausstellungen besuchen, dann ist es schon so, dass die Leute stehen bleiben. Mein Mann geht dann immer vorne weg, ihn stört es mehr als mich. Manche schleichen so diskret um mich herum, manche trauen sich, manche nicht, sie machen Fotos mit dem Handy, manche sagen auch etwas Nettes. Aber natürlich wirst du, auch wenn etwas Nettes gesagt wird, beobachtet. Ich habe mich aber daran gewöhnt.

Berliner Morgenpost: Heino Ferch spielt in "Ruhm" einen Star, der für sein eigenes Double gehalten wird und es genießt, wieder inkognito zu sein. Kennen Sie diesen Wunsch auch?

Senta Berger: Nein, keineswegs. Stellen wir uns mal vor, Heino Ferch spielt Til Schweiger. Ich weiß nicht, wie sehr Tils Leben reduziert ist. Mein Sohn Simon hat zwei Filme mit ihm gemacht und sagt, er habe überhaupt keine Extravaganzen gezeigt. Aber natürlich ist er ein Teenie-Idol, und junge Menschen reagieren auf Popstars, Fußballer und Schauspieler ihrer Generation. Ich bin davon ausgenommen. Wenn die Jüngeren mich überhaupt noch kennen, dann kommen sie und fragen nach einem Autogramm für ihren Vater.

Berliner Morgenpost: Sie waren aber auch mal jünger.

Senta Berger: Damals gab es noch nicht diese Medienhysterie. Was gerade anfing, war die Paparazzi-Zeit, Fotografen, die sich an deine Fersen hefteten. Man lernte dadurch aber auch, sein Privatleben zu schützen. Das habe ich ganz gut hingekriegt. Es ist halt so: Wenn du das Schlüsselloch frei gibst, dann wird da auch reingeguckt.

Berliner Morgenpost: Und wie schützen Sie sich?

Senta Berger: Ich wundere mich manchmal, wie manche Kollegen private Dinge in der Öffentlichkeit austragen. Das wäre für mich ganz unvorstellbar. Ich würde auch nie über mein Verhältnis zu meinen Kindern sprechen. Natürlich werde ich nach Simon gefragt und Simon nach mir. Und wir müssen nicht lügen. Aber wir halten uns knapp und bedeckt. Das gilt auch für meine Ehe.