Theater

Wer eine solche Mutter hat, braucht keine Feinde

Da gab es in Russland diesen Dichter, der sich das Pseudonym Maxim Gorki wählte, was so viel wie "Der Bittere" heißt. Der hat sich eine Figur namens Vassa Shelesnova ausgedacht, was wiederum "Die Eiserne" bedeutet.

Es hätte also ein düsterer Frühlingsabend werden können. Im Berliner Ensemble hat sich Manfred Karge das Stück vorgenommen. Doch es ist leider weder böse noch bitter, eher fad.

Erst kürzlich hat der lettische Regisseur Alvis Hermanis an den Münchener Kammerspielen aufgezeigt, dass "Vassa Shelesnova" durchaus Potenzial hat. Er verwendete dafür die erste Fassung des Textes von 1910. Mehr als 20 Jahre später überarbeitete Gorki das Stück grundlegend, als mehr sozialistischer Realismus gefragt war. Karge nun benutzt diese zweite Fassung und fertigte auch gleich noch eine neue Übersetzung an. Bei der verhält es sich so: Reederei-Besitzerin Vassa Shelesnova drängt ihren Gatten, der ein Spieler und wegen Kinderschändung angeklagt ist, in den Selbstmord. Auch ein Kindermädchen, das Nachwuchs von Vassas Bruder Prochor erwartet, stirbt unter mysteriösen Umständen. Vassas Alibi: Rettung der Familienehre, aber tatsächlich geht es um das Familienunternehmen. Dabei setzt sie voll auf ihren Enkel Kolja, denn von ihren eigenen Kindern kommt keins als Firmennachfolger infrage, der Sohn siech, die eine Tochter einfältig, die zweite dem Alkohol zugetan. "Meine ganze Hoffnung ist mein Enkel", sagt sie. Doch dessen Mutter, ihre Schwiegertochter Rachel, eine Revoluzzerin und Kommunistin, kehrt unerwartet heim, um ihr Kind zu sich zu holen, was Vassa zu verhindern sucht. Die Familie zerfällt.

Leider bleibt Karge die Antwort schuldig, warum ihn dieser Text und diese Fassung so sehr interessierten. Man hätte die Sache politisch angehen können, schließlich trifft hier der alte auf den neuen Menschen, man hätte den utopischen Moment akzentuieren oder auch hinterfragen können, aber nichts von alledem. Marina Senckel ist als Rachel eine reine Kostüm-Revoluzzerin. Roman Kaminski als Prochor ist da schon lebendiger, allerdings nur, was Wodka, Weib und Gesang angeht. Interessant ist allein Swetlana Schönfeld als Vassa, für deren Muttertiermanagement man erstaunlicherweise durchaus Sympathien hegt. Allenfalls ließe sich festhalten, dass der Text, der so überaus häufig nun auch nicht auf den Spielplänen zu finden ist, solide wiedergegeben ist. Doch es fühlt sich an ein wie Stück vom Trödelmarkt der Literaturgeschichte.

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel. 284 08 155. Nächste Termine: 5. April, 19 Uhr; 25. April, 20 Uhr.