Interview mit Dagmar Reim

"Wir machen Fernsehen für Menschen 40 plus"

Im Kampf gegen sinkende Zuschauerzahlen setzt das RBB-Fernsehen ab Spätsommer auf eine neue Programmstruktur. Der Sender will vor allem Reportagen und Dokumentationen ein größeres Gewicht einräumen. Mit RBB-Intendantin Dagmar Reim sprachen Ekkehard Kern und Matthias Wulff.

Berliner Morgenpost: Sie sind seit neun Jahren in der Stadt. Fühlen Sie sich denn heimisch in Berlin?

Dagmar Reim: Ich habe mich vom ersten Tag an heimisch gefühlt. Berlin ist eine Stadt, die mich sofort gewonnen hat.

Berliner Morgenpost: Worauf hatten Sie sich einzustellen?

Dagmar Reim: Das war, komplett banal, die Größe der Stadt. Hamburg, wo ich vorher gelebt habe, ist wirklich nicht ganz klein. Aber wenn ich in Marzahn-Hellersdorf zu tun hatte und von dort aus nach Potsdam-Rehbrücke oder Cottbus musste, zeigte sich die Größe. Sofort gepackt hat mich der unglaubliche Reichtum an Kultur: In meinen ersten fünf Jahren war ich hier öfter in der Oper, im Theater und in Konzerten als in achtzehn Jahren Hamburg.

Berliner Morgenpost: Ihre Seher- und Hörerschaft reicht vom Arbeiter in Cottbus bis zum Großstadtmenschen in Charlottenburg. Diese mit einem einzigen Fernsehprogramm anzusprechen, ist eine komplexe Aufgabe.

Dagmar Reim: Ja, aber keine andere als die, die ich in den anderen Sendern zu meistern hatte, in denen ich gearbeitet habe. Mit dem Stadt-Land-Gegensatz müssen sich alle Dritten Programme der ARD auseinandersetzen.

Berliner Morgenpost: In Bayern, zum Beispiel, wird das Programm auseinandergeschaltet in Nord und Süd.

Dagmar Reim: Das machen wir ja auch.

Berliner Morgenpost: Aber nur zur "Abendschau".

Dagmar Reim: Wir trennen uns für eine halbe Stunde am Tag. Ansonsten denken wir, dass unser Sendegebiet Berlin und Brandenburg enger verflochten ist als zum Beispiel Hof im Norden Bayerns mit Freilassing im Süden. Das beginnt damit, dass sehr viele Menschen in Brandenburg leben und in Berlin arbeiten.

Berliner Morgenpost: Würden Sie sagen, dass junge Leute sich mit dem RBB-Fernsehen identifizieren und das Programm kennen?

Dagmar Reim: Nein. Wir sind kein Programm für 14- bis 29-Jährige. Das ist auch nicht so gedacht. Die Dritten Programme der ARD sind keine jungen Sender, das ist uns bekannt. Wir machen öffentlich-rechtliches Programm für Menschen 40 plus. Wer unser Jugendradio "Fritz" hört, sieht in der Regel nicht RBB-Fernsehen. Das ist auch nicht schlimm.

Berliner Morgenpost: Videoclips mit "Fritz"-Moderatoren gibt es zum Beispiel auf YouTube. Warum ist der RBB so zögerlich, wenn es darum geht, ARD-intern ein Jugendprogramm zu etablieren, zu dem alle Dritten Fernsehprogramme ihre Sendungen beisteuern?

Dagmar Reim: Wir sind durchaus an der Entwicklung beteiligt. "Fritz" liefert unseren ARD-Partnern zum Beispiel Videos aus dem eigenen Online-Auftritt zu - so an die ARD-Digitalprogramme EinsFestival und bald auch für den Abend bei EinsPlus. Die jungen Programme vernetzen sich immer stärker.

Berliner Morgenpost: Was halten Sie von der Idee ihres SWR-Intendantenkollegen Peter Boudgoust, einen ARD-weiten Jugendsender zu etablieren?

Dagmar Reim: Ich unterstütze alles, was darauf zielt, die Kräfte in der ARD zu bündeln.

Berliner Morgenpost: Zurück zu Ihrem Fernsehprogramm. Nach der "Abendschau" schalten die Zuschauer um.

Dagmar Reim: Das können Sie bei allen Dritten Programme beobachten. Alle haben ihre beste Quote mit den regionalen Informationssendungen. Das ist beim RBB nicht anders. Die "Abendschau" gehört bundesweit übrigens zu den drei erfolgreichsten Nachrichtensendungen der Dritten Programme.

Berliner Morgenpost: Wie wollen Sie Ihr Abendprogramm attraktiver machen?

Dagmar Reim: Wir haben keine grundlegende Reform geplant, eher ein Reförmchen, weil im Fernsehen evolutionäres Entwickeln günstiger ist als revolutionäres. Wir wollen den Zuschauerfluss von einer Sendung zur nächsten verbessern. Deshalb bündeln wir das, was zusammen passt, jeweils an einem Abend. Unsere dokumentarische Handschrift, die wir sehr pflegen, wollen wir künftig vor allem dienstags zeigen und nicht mehr über die Woche verstreuen.

Berliner Morgenpost: Warum läuft im heutigen Nachmittagsprogramm des RBB "Herrliches Hessen"?

Dagmar Reim: Solche Übernahmen laufen in allen Dritten Programmen der ARD. Keiner von uns hat das Geld, um ein eigenes Tagesprogramm zu gestalten. Wir investieren in die Sendezeit ab 17 Uhr, wenn unser Publikum deutlich stärker einschaltet. Allerdings machen wir auch tagsüber aktuell jede Stunde Nachrichten. Originäres RBB-Programm, das wir selbst finanzieren, macht ungefähr 25 bis 30 Prozent aus.

Berliner Morgenpost: Beim RBB-Fernsehen vermissen einige die journalistische Leidenschaft. Der aktuelle Aufreger der Guggenheim-Lab in Kreuzberg beispielsweise war der "Abendschau" nur eine Meldung wert.

Dagmar Reim: Wenn es nur eine Meldung war, war das eine falsche Entscheidung. Aber die Debatte wäre wiederum auch keine Sondersendung wert, weil wir stets an Berlin und Brandenburg denken müssen. Und ob das Guggenheim-Lab nun für drei Monate nach Kreuzberg kommt oder nicht, interessiert wahrscheinlich in Cottbus nicht sonderlich viele Menschen.

Berliner Morgenpost: Was kann in Berlin so groß sein, dass es jemanden in Cottbus interessiert?

Dagmar Reim: Wir bilden selbstverständlich alle großen Debatten in der Region ab und ordnen sie ein - von den Flugrouten über Wahlen in Berlin und Brandenburg bis zur Energiewende. Das "muten" wir auch dem jeweils anderen Landesteil zu. Demnächst werden wir den Umzug des Flughafens Tegel nach Schönefeld 20 Stunden in einer Reportage begleiten. Und der RBB hat für Das Erste die Reportagen "Verlorene Ehre - Der Irrweg der Familie Sürücü" und "Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin" geliefert, die beide bereits preisgekrönt sind.

Berliner Morgenpost: Der Programmreform zum Opfer fällt auch der Talk "Klipp & Klar".

Dagmar Reim: Das hat mit fünf starken Talksendungen im Ersten zu tun, von denen vier noch mal an Akzeptanz gewonnen haben. Das bedeutet: Sie können momentan für ein Drittes Programm erstklassige Gesprächspartner nicht gewinnen. Entscheidend ist indes, dass wir acht Jahre versucht haben, "Klipp & Klar" zu etablieren. Die Akzeptanz ist leider nicht so gut wie erhofft. Vielleicht wird es aber einen Zeitpunkt geben, an dem die Talkflut nachlässt und wir mit einem anderen Format neu starten.

Berliner Morgenpost: Man hätte bei der Talkshow vielleicht etwas mehr Berlin-Themen einarbeiten müssen.

Dagmar Reim: Das Erstaunliche ist, dass die großen, überregionalen Themen bei "Klipp & Klar" besser funktioniert haben als die regionalen. Die Diskussion über Christian Wulff wollten mehr Berliner und Brandenburger sehen als die über Flugrouten. Ich finde das enttäuschend, es ist aber so. Der Moderator Marco Seiffert jedenfalls hat seine Sache außerordentlich gut gemacht.

Berliner Morgenpost: Warum nimmt man "Dickes B." nicht wöchentlich statt 14-tägig ins Programm?

Dagmar Reim: Wenn wir noch zu etwas mehr Geld kommen, werden wir die Sendung wöchentlich ausstrahlen. Was sich beim Publikum durchsetzen soll, müssen wir wöchentlich bieten.

Berliner Morgenpost: Würde man Ihnen jetzt 10 Millionen Euro geben, wo würden Sie diese investieren?

Dagmar Reim: Ich würde das Geld meinen Kolleginnen und Kollegen im Programm geben und sagen: "Alle Ideen, die ihr bis jetzt aus finanziellen Gründen nicht realisieren konntet, werdet ihr jetzt realisieren - im Fernsehen und im Radio."

Berliner Morgenpost: Gibt es etwas, das Sie persönlich gerne für Ihr Programm hätten?

Dagmar Reim: Ich hätte gerne eine Kinosendung, die nicht aus finanzieller Not davon lebt, die Trailer der großen Filmstudios abspielen zu müssen. Auch würde mich eine Literatursendung interessieren, die anders ist als alle anderen. Dafür bedarf es allerdings einer brillanten Idee.

Berliner Morgenpost: Bei der ARD gibt es mittlerweile drei Intendantinnen. Neben Ihnen Monika Piel vom WDR und Karola Wille vom MDR. Was halten Sie von einer Frauenquote innerhalb Ihres Senders?

Dagmar Reim: Wir brauchen beim RBB die Frauenquote nicht aufzurufen, weil wir hier weit vorn sind. Wir haben momentan 38 Prozent Frauen in Führungspositionen, in den Redaktionen sind es sogar mehr als 50 Prozent. Ich glaube, das ist in den Medien fast einzigartig.

Berliner Morgenpost: Haben Frauen einen anderen Führungsstil als Männer?

Dagmar Reim: Im Prinzip nein.

Berliner Morgenpost: Aber Unterschiede gibt es doch? Geht es um Empathie?

Dagmar Reim: Das muss nicht Empathie sein. Nennen wir es einmal Intuition oder auch den Blick auf das Ganze. Es ist ja nicht allein der Berufsmensch, der einem gegenübersitzt. Umgekehrt haben natürlich Frauen in Führungspositionen mit Klischees zu kämpfen. Ich habe in Diskussionen zum Beispiel noch nie den Ausdruck "hengstbissig" gehört, aber dafür den Ausdruck "stutenbissig" schon sehr oft.

Berliner Morgenpost: Allerdings kommt der Vorwurf nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen.

Dagmar Reim: Selbstverständlich. Als Monika Piel als WDR-Intendantin in unsere ARD-Runde kam, gab es bei manchen Männern gewisse Hoffnungen, dass wir beiden Frauen uns schlecht verstehen würden. Das Gegenteil ist der Fall, was mich besonders freut.

Berliner Morgenpost: Ist der Gegensatz Ost/West bei Ihnen noch ein Thema?

Dagmar Reim: Kaum noch. Wir sind im neunten Jahr nach der Fusion und eine neue repräsentative Erhebung über unser Programm besagt: Die Menschen in Ost und West sehen das RBB-Fernsehen gleichermaßen gern. Das hat uns sehr gefreut und meine alte Vermutung bestätigt, dass Menschen, die fernsehen, nicht fragen: Kommt der Beitrag gerade aus Zehlendorf oder Zepernick? Eine Reportage über den Kurfürstendamm hat in Brandenburg mehr Zuschauer gewonnen als in Berlin. Und mit unseren Radioprogrammen erreichen wir von jeher Menschen in Stadt und Land.

Berliner Morgenpost: Wie viel Geduld hat die ARD noch mit Thomas Gottschalk?

Dagmar Reim: Momentan habe ich den Eindruck, dass sich dazu eher zu viele Menschen äußern. Diesen Eindruck will ich nicht verstärken.