Kunstsache

Treten Sie nicht auf die Löffel, sonst werden Eier geschossen

Bei den meisten hat sich die Erinnerung an die Achtzigerjahre längst im Trockeneisnebel des Vergessens aufgelöst. Nur manchmal lüftet sich der Schleier, dann muss man kritisch zugeben, dass damals der schlechte Geschmack ein guter Freund war.

In den Achtzigern gab es Schulterpolster und Dauerwellen und irgendwer hatte immer Poster von Kim Wilde und Samantha Fox im Zimmer hängen. Was könnte wohl aus diesen Ikonen der Kindheit geworden sein, frage ich mich manchmal. Eine mögliche, wenn auch uncharmante Antwort liefert nun Martin Eder. In seinem neuen Gemäldezyklus zeigt der Maler eine doch recht unvorteilhaft gealterte Variante der Achtziger-Ästhetik. Nur ein einziges Bild hängt (neben diversen Skulpturen) in der Galerie Eigen + Art, doch das Bild ist wirklicher ein Knaller: Ein Hinterteil ist darauf zu sehen, üppig, ausladend, formatsprengend. Am oberen Bildrand hängen ein paar blond gelockte Strähnen herunter, über die Orangenhaut des mächtigen Gesäß lässt der Künstler regenbogenfarbenes Licht fallen. Ein billiger Disco-Effekt eigentlich, aber in diesem Zusammenhang hervorragend eingesetzt. Natürlich gehört der Po keinem ehemaligen Pop-Sternchen, vermutlich eher einer Kassiererin aus Lichtenberg, die dem Maler Modell gestanden hat. Und doch nahm ich das Bild als visuellen Beleg, dass die Kinderzimmertage vorbei sind.

(Bis 5. Mai, Auguststr. 26, Mitte)

Übrigens: Ein Wort, das in den späten Achtzigern aus dem Sprachgebrauch verschwand, ist "Badekappenzwang". Der Badekappenzwang gehört genauso zu meiner Kindheit wie Samantha Fox. Dann war er plötzlich weg. Und deshalb hat es mich gefreut, als ich in der Ausstellung "Relocated" der Galerie Neu auf ein mir bisher unbekanntes Werk von Andreas Slominski stieß. "Ehemann, Ehefrau (Zwillinge)" besteht aus drei Kartonverpackungen für Badekappen. Auf der linken sieht man den bemützten Mann, auf den anderen beiden zweimal dieselbe bekappte Frau. Slominski spielt hier sehr elegant mit den gegenläufigen Assoziationen von spießbürgerlicher Badeordnung und regelbrechender Bigamie. In einem zweiten Raum hängt ein schöner Schwarzweiß-Print von Wolfgang Tillmans, der einen faulen Tag an der Isar zeigt. In einem dritten überraschten explizite Zeichnungen von Yves Saint Laurent und in einem vierten musste ich aufpassen, dass ich nicht auf die Löffel mit Eiern trat, die auf dem Boden lagen, weil die Eier sonst wie Katapultkugeln durch den Raum geschossen wären. Mit der Gruppenausstellung weiht die Galerie neue Räume am Mehringdamm ein, so lange die Frage nach einem permanenten Galeriestandort noch nicht geklärt ist.

(Bis 21. April, Mehringdamm 72, Kreuzberg)

Ende der Achtziger Jahre hatte ich zum ersten Mal eine elektrische Gitarre und machte mich auf den Weg, ein Rockstar zu werden. Sehr weit bin ich nicht gekommen. Aber immerhin habe ich eine gewisse Liebe zu Musikinstrumenten entwickelt. Deshalb gefällt mir die aktuelle Ausstellung von Tony Conrad sehr. Conrad bastelt seit den sechziger Jahren selbst Instrumente. Einige seiner "Invented Acoustical Tools" präsentiert die Galerie Buchholz nun auf Sockeln. Egal ob es sich nun um ein Tennisschläger-Banjo oder eine zweitonige Trompete aus PVC-Röhren handelt - stets sehen die Gebilde eher aus wie Skulpturen als wie spielbare Instrumente. Doch der Schein trügt: Die Rockgitarren-Gartenbank zum Beispiel hat einen wirklich tollen Sound. Sie hängt an dünnen Metallseilen von der Decke, die Seile sind an einen Verstärker angeschlossen. Man muss sich nur draufsetzen, um die Bank zu spielen. Bequemer kann man seinen Rockstardrang nicht ausleben.

(Bis 14. April, Fasanenstr. 30, Charlottenburg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien