Lesung

4210 Tage gestohlenes Leben

Seine Unterstützer zählen die Tage: 1200 sind es bereits, mehr als drei Jahre sitzt der chinesische Dissident Liu Xiaobo schon im Gefängnis. Der 56 Jahre alte Schriftsteller wird bereits zum vierten Mal von der eigenen Regierung gefangen gehalten, die sich von seinem Engagement als Menschenrechtler bedroht fühlt. "Anstachelung zur Subversion gegen die Staatsmacht" wirft sie ihm vor.

Wenn es nach dem Regime geht, soll der Freiheitskämpfer über elf Jahre Strafe absitzen - eines der härtesten Urteile gegen Oppositionelle seit Jahren.

Die Situation scheint aussichtslos. Doch Unterstützer auf der ganzen Welt wollen sich nicht mit dem Urteil abfinden. Unablässig fordern sie die Freilassung Xiaobos. Teil des Protests ist mittlerweile auch eine zeitgleiche Lesung für den Inhaftierten geworden, die auf seine Situation aufmerksam machen soll. Zum zweiten Mal solidarisierten sich deshalb Künstler in 40 Ländern, darunter Brasilien, Neuseeland und Portugal, für ihren Kollegen. Das Internationale Literaturfestival Berlin hat dazu aufgerufen.

In Berlin machten sich die Schriftstellerin Herta Müller und der emigrierte chinesische Autor Liao Yiwu bei der Lesung im Martin-Gropius-Bau für Xiaobo stark. Müller, die 2009 den Literaturnobelpreis erhielt, sagte: "Es ist eine Katastrophe, dass das Regime solche Leute ins Gefängnis steckt, ihnen das Leben stiehlt und sie so systematisch kaputt macht." Zusammen mit den rund 100 Besuchern im Gropius-Bau überlegt sie, wie man den Protest sinnvoll gestalten kann, denn "es hilft Xiaobo nichts, wenn wir nur hier zusammen sitzen". Auch das Publikum will nicht passiv bleiben, jemand schlägt vor, eine Resolution zu verabschieden, andere wollen die Botschaft mit Protestkarten bombardieren. Xiaobo würde diese Streitlust gefallen. Denn auch wenn er als sanftmütiger Schreiber gilt, der sich seit Jahrzehnten gewaltlos gegen die Unrechtsherrschaft erhebt, klar ist: Xiaobo ist einer der scharfzüngigsten Kritiker des Regimes.

Jedes Wort seiner "Charta 08", die er gemeinsam mit anderen Autoren aufgesetzt hat, sitzt und provoziert. Darin fordert er die Demokratisierung Chinas und verlangt von der Regierung, ihren Bürgern grundlegende Werte, wie das Recht auf freie Meinung, freie Presse und Gleichberechtigung zu ermöglichen. "Das System wird sich täuschen, wenn es glaubt, es könne ewig ein Einparteiensystem bleiben", sagt Herta Müller. Sie erinnert auch an den Künstler Ai Weiwei, der bis 2011 in Haft gehalten wurde und nur unter schweren Auflagen wie einer Stillhalte-Verpflichtung freigelassen wurde.

Der Autor Liao Yiwu, der selbst vier Jahre in Haft saß und seit 2011 in Deutschland im Exil lebt, wies darauf hin, dass sich die Lage in seiner Heimat seit dem letzten Jahr weiter verschlechtert habe. "China ist zwar reicher geworden, aber Demokratie ist nicht in Sicht", sagt er. Müller fordert die deutschen Politiker auf, immer wieder auf die Menschenrechte hinzuweisen. Der Wirtschaft kreidet sie an, dass sie, um ihre Interessen zu verfolgen, gerne mal über die existenziellen Bedürfnisse der Chinesen hinwegsehe.

Doch selbst innerhalb der Autorenszene haben nicht alle den Mut, China Verfehlungen anzukreiden. Müller sei schockiert darüber, dass selbst die Londoner Buchmesse, die dieses Jahr im April den Schwerpunkt auf China lege, keine Exilautoren eingeladen habe. Auch dagegen will sie im Namen Xiaobos kämpfen. Um nicht noch 3010 Tage bis zu seiner Freilassung zählen zu müssen.

Das Kulturmagazin "ttt" zeigt am Sonntag, 25. März, "Künstler in Gefahr" über Liu Xiaobo