Buchverfilmung

Gemetzel im Dschungelcamp

Am 14. Juli vergangenen Jahres mussten die Teenie-Fans ganz stark sein. Da kam der definitiv letzte "Harry Potter"-Film ins Kino. Und am 22. November dieses Jahres müssen sie schon wieder ganz stark sein. Da startet der letzte "Twilight"-Teil. Beide Sagas waren unglaubliche Erfolge, und zwar nicht nur als Film, sondern erst recht in dem in unserer digitalen Welt schon fast altmodischen Format Buch.

Weil sich aber so gut Kasse machen lässt mit derartigen Crossover-Hits, vor allem, wenn sie seriellen Charakter haben, haben findige Produzenten gleich nach dem nächsten möglichen Coup gesucht. Und ihn in Suzanne Collins Trilogie "Die Tribute von Panem" gefunden. Teil Eins, "The Hunger Games", kommt heute in unsere Kinos, noch einen Tag vor US-Start.

Parabel auf die Mediengesellschaft

In den USA war "Panem" gleich 160 Wochen in den Bestsellerlisten der "New York Times", die Autorin landete 2010 im "Time Magazine" auf der Liste der 100 einflussreichsten Menschen. In Deutschland genießt die Reihe noch nicht eine derartige Popularität. Die drei Bände haben sich hierzulande bislang 700.000 Mal verkauft. Ein Traum für jeden Buchverlag, aber doch kein Vergleich zu, sagen wir mal, Rowlings "Harry Potter", deren ersten vier Bände schon vor dem ersten Film auf 12 Millionen Exemplare kam. Aber die Nagelprobe war die Deutschlandpremiere vergangene Woche in Berlin: Da kreischten Massen von Teenager hinter dem roten Teppich für Schauspieler, die sie, außer aus der "Bravo", noch kaum kennen können, als wären es Daniel Radcliffe und Robert Pattinson. Und siehe da: Die Marketing-Strategie greift.

Um Massen und um Unterhaltung geht es nicht nur den Produzenten des Films, sondern auch bei den Hunger-Spielen dieser Film-Fantasy. Nicht umsonst verweist das Land Panem auf das Prinzip "Panem et circensis": Mit Brot und Spielen hat man in Rom einst das Volk zerstreut und von der hohen Politik abgelenkt. Und genau so läuft es auch in der nicht allzu fernen Zukunft. Da hat man das, was mal die Vereinigten Staaten waren, unterworfen und in zwölf Distrikte eingeteilt. Und für ihr Brot, vor allem aber zu ihrer Einschüchterung werden regelmäßig Spiele veranstaltet, für die jeder Distrikt einen Mädchen und einen Jungen entsenden muss, die dann mit allerlei Äxten, Säbeln, Pfeil und Bogen in den Wald geschickt werden. Auf dass nur einer lebend wieder rauskomme. Die "Tribute" sind nichts anderes als Menschenopfer. Das Ganze wird auch noch als großes Fernseh-Event übertragen. "Möge das Glück", so das zynische Motto dieses Spiels, "stets mit euch sein."

Natürlich wird man gleich an die antiken Gladiatorenkämpfe denken. Aber auch unser derzeitiges Fernsehverhalten wird hier nur noch um eine blutige Schraubenwindung weiter gedreht. Wir schicken heute bereits Leute in den Dschungel und delektieren uns daran, wie sie dort allerlei Ekel-Getier ausgesetzt sind und sich gegenseitig beharken. Und wir verfolgen auch all die inflationären Casting-Shows nicht, um am Ende einen Superstar oder ein Topmodel zu krönen; die Gewinner sind bald wieder vergessen. Nein, wir wollen miterleben, wie die Leute erniedrigt und gequält werden - und schließlich auf der Strecke bleiben.

"The Hunger Games" hätte also das Zeug zu einer bitterbösen Allegorie auf unsere Mediengesellschaft. Aber ach, es ist nun mal ein Jugendbuch, ein irritierend brutales und blutiges, aber doch ein Jugendbuch. Regisseur Gary Ross versucht zwar, das Geschehen auch für ein erwachsenes Publikum interessant zu machen, hat dabei aber stets die Jugendfreigabe im Auge. Gemetzel ja - aber in den entscheidenden Momenten ohne Details.

Die futuristische Welt, die Ross mit seinen Szenenbildnern entwickelt hat, spielt irgendwie im Trash-Wonderland. Im Kapitol, dem Zentrum von Panem, das zugleich ans alte Rom wie ans heutige Washington denken lässt, sieht alles streng designt aus. Die Menschen laufen aber in unmöglichen Klamotten und hanebüchenen Perücken herum. Warum sich Stars wie Stanley Tucci, Woody Harrelson und Lenny Kravitz sich so was antun und aufziehen, ist schwer nachvollziehbar.

Aber um sie, die Erwachsenen, geht es ja nur am Rande. Sehr bald lässt der Film das Kapitol hinter sich und springt in die Dschungelarena. Eine notorisch verwackelte Kamera, die selbst jene von Lars von Trier in den Schatten stellt, behauptet permanent Bewegung, auch da, wo gar keine ist. Dann aber sind die Jugendlichen, im Dschungel wie im Kino, ganz allein. Weil das als Handlungsgerüst vielleicht noch nicht tragen würde, bedient man sich sicherheitshalber eines Grundkonflikts, der sich nicht nur bei "Twilight", sondern auch in jedem Fernseh-Mehrteiler bewährt hat. Eine Frau zwischen zwei Männern. Oder doch ein Mädchen zwischen zwei Jungs. Katniss (Jennifer Lawrence), die Heldin aus dem letzten, also primitivsten Distrikt, ist dem schönen Gale (Liam Hemsworth) zugetan, mit dem sie auch, ganz bildlich, auf die Pirsch geht, mit Pfeil und Bogen. Dann aber meldet sie sich freiwillig zu den Spielen, um ihre kleine Schwester davor zu bewahren. Sie muss mit Peeta (Josh Hutcherson) für ihren Distrikt antreten. Und der behauptet, sie schon immer geliebt zu haben, was im Film die Quote und im Kino den Emotionsfaktor in die Höhe treiben soll.

Das Ende der Fantasy

Das Spannende an "Panem" ist weniger das archaische Unterhaltungsprinzip, sondern der neue Akzent in der Fantasy. Es geht nicht länger um märchenhafte Traumwelten à la "Herr der Ringe" oder "Harry Potter". Der neue Trend sind Dystopien, Anti-Utopien, die keine mythisch-besseren Welten beschwören, sondern im Gegenteil äußerst düstere Visionen entwickeln. Wer "Twilight" zu kitschig und moralinsauer fand, könnte in "Panem" ein echtes Gegengift finden. Denn dass es da in den nächsten Teilen nicht mehr länger um Spiele geht, sondern um eine Rebellion wider das System, ist klar abzusehen.

Fragt sich nur, ob das Kalkül wirklich aufgeht. "Die Chroniken von Narnia" etwa, im angelsächsischen Raum ein großer Renner, sind bei uns eher mäßig erfolgreich, als Buch wie als Film. Und die größte Fehlkalkulation in dieser Richtung war wohl Cornelia Funkes "Tintenwelt"-Trilogie. Der erste Film "Tintenherz" lief so schlecht, dass man von weiteren Verfilmungen ganz absah. Möge das Glück stets mit euch sein: Das "Panem"-Motto gilt also auch für das eigene Genre.

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"Die Spiele gleichen natürlich den antiken Gladiatorenkämpfen, aber sie haben auch viel gemein mit unseren Reality-Shows"

Gary Ross Regisseur von "Panem"