Film

In den Trümmern von Berlin: "Deutschland im Jahre Null"

Der Trümmerfilm war die deutsche Antwort auf den Neorealismus. Die italienischen Filmemacher gingen auf die Straße und drehten mit Laien, um eine neue Wahrhaftigkeit zu erzielen. Die deutschen Kollegen gingen auf die Straße, weil es sonst nichts mehr gab. In den fünfziger Jahren sollte man in die heile Heimatprovinz ausweichen, um die Städte, die noch Ruinen waren, zu verdrängen.

In den vierziger Jahren aber verarbeitete man den Schock des totalen Zusammenbruchs noch ganz unmittelbar in quasidokumentarischen Spielfilmen. Umso interessanter erschien die Konstellation, als 1947 Roberto Rossellini, der Vater des Neorealismus, selbst nach Berlin reiste und einen Trümmerfilm drehte. Und doch: "Deutschland im Jahre Null" wollte hierzulande keiner sehen. Eine damals viel beachtete Kritik schmähte ihn gar als "einen diabolischeren Schwindel, als man ihn in Hollywood je auszudenken wagte".

Rossellini hatte Weltruhm erlangt mit "Rom, offene Stadt", einem Film über die Befreiung seiner Stadt, und mit "Paisà" über die Befreiung Italiens. "Deutschland im Jahre Null" war der Schlusspunkt einer losen Trilogie. Ohne ein Wort Deutsch zu verstehen, fuhr der Regisseur mit Max Colpet, Marlene Dietrichs Liedtexter, durch die Stadt und betrieb Feldforschungen. Sein besonderes Augenmerk richtete sich dabei auf die Kinder (Rossellinis Sohn Romano war gerade im Alter von neun Jahren gestorben, ihm ist der Film gewidmet). Seinen jungen Hauptdarsteller fand er bei einem Zirkusbesuch. Dann begann er zu filmen - und konkurrierte an manchen Tagen mit Billy Wilder, der gerade "A Foreign Affair" drehte, um dieselben Drehorte.

"Deutschland im Jahre Null" fehlt der optimistische Blick in die Zukunft der deutschen Trümmerfilme. Umso kompromissloser zeigt er die Not der Berliner auf: Ein 12-Jähriger muss allein seine Familie ernähren, weil der Vater krank ist und der Bruder sich versteckt. Der kleine Edmund ist schon zu alt, um die Misere noch in naiver Unschuld zu überspielen, aber nicht alt genug, um gegen die Großen auf dem Schwarzmarkt zu bestehen. Am Ende vergiftet er den Vater aus falsch verstandenem Mitleid und springt aus Verzweiflung in den Tod. Derartige Abgründe, aber keine Hoffnung aufgezeigt zu haben, mag die Empörung gegen den Film erklären. Aber an Rossellinis Mitleid an dem kollektiven Elend und seinem Willen, das Feindbild der Deutschen zu korrigieren, kann kein Zweifel bestehen.

Der Film krankt indes an einem anderen kleinen Makel. Alle Innenaufnahmen wurden nicht in Berlin, sondern in Rom gedreht. Seine Lebensgefährtin Anna Magnani wollte partout nicht nach Berlin reisen, Rossellini aber nicht so lange auf sie verzichten. So weit ging der Neorealismus dann doch nicht. Bis alle Kulissen gebaut waren, hatten sich die hungernden Laien, denen Italien wie ein Schlaraffenland erschien, verständlicherweise satt gegessen. Ihre propperen Züge passten nicht mehr recht zu den ausgemergelten Gesichtern der zuvor gedrehten Szenen.