Interview mit Herbert Fritsch

Murmel? Murmel!

Der Schweizer Dieter Roth war einer der vielseitigsten und verstörendsten Künstler der Nachkriegszeit: Er schuf nicht nur Werke, die quer zu allen Moden standen. Sondern er schrieb auch konkrete Poesie. Sein Theaterstück "Murmel" besteht ausschließlich aus diesem einen Wort, das endlos wiederholt wird.

Herbert Fritsch inszeniert das dramenlose Drama unter dem Titel "Murmel Murmel" in der kommenden Woche an der Volksbühne. Die Premiere ist am 28. März in der Volksbühne zu bewundern. Mit Fritsch, der spät zur Regie kam und vorher jahrelang als Schauspieler an der Volksbühne engagiert war, sprach Matthias Heine.

Berliner Morgenpost: Herr Fritsch, wie kamen Sie auf die Idee, dieses Stück zu inszenieren?

Herbert Fritsch: Das Stück kenne ich seit Anfang der Achtziger. Damals habe ich Dieter Roth selber kennengelernt und vor allem einen Galeristen, der mit ihm sehr befreundet war - Felix Handschin. Der hat mir gesagt: "Wenn du mal Regie machst, musst du unbedingt ,Murmel' inszenieren", so heißt es bei Roth. Er hat mir das Stück gezeigt. Das Buch war so ein "Objekt", wo nur "Murmel" drinstand. Mich hat die Vorstellung fasziniert, ein Buch zu haben, in dem gemurmelt wird, weil ich mich, wenn ich vor einer Bücherwand stehe, ohnehin frage: Was machen diese Texte jetzt da drin? Ich habe immer das Gefühl, die murmeln da vor sich hin. Erstmals haben wird das Stück dann in den Achtzigerjahren zur Beerdigung von Felix Handschin im Baseler Theater 20 Minuten lang ganz frei aufgeführt.

Berliner Morgenpost: War das die erste Aufführung?

Herbert Fritsch: Vorher hatte Werner Düggelin schon die Uraufführung gemacht. Das Stück war ja Düggelin gewidmet und sollte "Das langweiligste Theaterstück der Welt" sein. Darüber ist ihre Freundschaft zerbrochen, weil der Düggelin das Stück mit Balletttänzern und Opernsänger und allem drum und dran inszeniert hat - also einen Riesenaufriss gemacht hat. Das fand Dieter Roth falsch. Er hat gesagt, Düggelin habe das Stück verleugnet.

Berliner Morgenpost: Wie wollen Sie das vermeiden?

Herbert Fritsch: Ich stehe natürlich vor genau dem gleichen Problem. Die Gefahr besteht, dass man Szenen baut, wo gar keine sind, und sich bei den Zuschauern dafür entschuldigt, dass man jetzt "Murmel Murmel" macht. Davon kommen wir aber immer mehr ab. Das Ganze hat eine grafische Struktur, es ist in Sechserrhythmen geschrieben. Das studieren die Schauspieler jetzt richtig ein - mit Zählen und allem Drum und Dran. Das wollen wir beinhart durchziehen. Für mich hat das merkwürdigerweise einen großen Witz. Es ist sehr unterhaltsam in dieser Penetranz, in der es vorgetragen wird. Aber teilweise wachen die Schauspieler nachts schweißüberströmt auf und haben Angstträume - mir geht's genauso -, weil sie denken: Um Gottes willen! Das wollen wir den ganzen Abend durchhalten? Wie soll das gehen?

Berliner Morgenpost: Sie gelten ja eher als Regisseur für die sogenannten unverwüstlichen Stücke: Komödienklassiker von Schönthan oder Curt Coetz, aber auch Brechts "Puntila" und Ibsens "Nora". Warum stürzen Sie sich jetzt auf so etwas komplett Postdramatisches?

Herbert Fritsch: Solche dramenlosen Stücke haben bei mir auch eine lange persönliche Geschichte: Nachdem ich als junger Schauspieler in Heidelberg gelangweilt gekündigt hatte, bin ich 1979/80 mit einem Abend aufgetreten, wo ich all das gemacht habe, was man mir am Theater nicht erlaubte. Das war die sogenannte Nullshow, für die ich mir selber Regeln gesetzt habe: Keine Vorbereitung, keine Proben, keine Überlegung vorher, was ich machen werde und keine artikulierte Sprache - nur Laute. Stattdessen Fratzenschneiden bis zum Gehtnichtmehr - eine richtige hochfrequente Grimassenshow. Auf die Bühne gehen mit "Uh!", "Ah!", "Örgh!" und das eineinhalb Stunden lang. In einem rasenden Tempo bis zur totalen Erschöpfung. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt: Das ist eigentlich mein Ding. Und jetzt will ich eben genau wie damals, das was ich mache, in gewisser Weise durchrütteln. Mal schauen, wohin das führt.

Berliner Morgenpost: Sie waren jahrelang Ensemblemitglied der Volksbühne und haben dann schließlich das Haus verlassen, um eine Regiekarriere zu starten. Der Intendant ist noch der alte. Was macht Frank Castorf jetzt anders?

Herbert Fritsch: Geändert hat sich eigentlich nichts. Uns verbindet etwas sehr Spannendes. Wenn man in diesem Haus ist, hat man eine gewisse Spannung. Dieses Haus ermöglicht extreme Ausschläge - zur einen Seite und zur anderen Seite. Gerade durch diese merkwürdigen Charaktere, die da aufeinander treffen und die auch schwierig sind und unausstehlich, furchtbar, aggressiv und alles. Aber es wird ausgelebt an diesem Haus. Die Konflikte werden geführt, nicht einfach vertuscht wie an allen Stadttheater üblich. Es ist ein merkwürdiges und seltsames Haus wie man es nirgendwo anders findet - in ganz Europa nicht.

Berliner Morgenpost: Sie haben drei Jahre lang mit Castorf nicht gesprochen?

Herbert Fritsch: Die Meinungsverschiedenheiten haben sich zugespitzt und dann habe ich gesagt, gut ich gehe. Aber die Geschichte ging weiter. Irgendwann haben wir uns getroffen, über alles geredet und daraus ist dann alles entstanden. Damit, dass meine Inszenierung "Die (s)panische Fliege" ein Riesenerfolg wurde, habe ich wirklich nicht gerechnet. Während der Proben hatte ich große Angstzustände, weil ich dachte: Jetzt werde ich an all dem Großartigen gemessen, was hier je gelaufen ist. Am Tag der Premiere war ich so unsicher, dass ich zu Hause noch gesagt habe: "Heute Abend werden sie mich in der Luft zerfetzen." Dass es dann im Gegenteil so geknallt hat - das war schon ein großes Geschenk. Jetzt versuchen wir, wieder regelmäßig zusammenzuarbeiten. Ich kenn allerdings auch Leute, die extrem skeptisch auf "Die (s)panische Fliege" reagiert haben. Mir ist beispielsweise gesagt worden, das wäre ,Goebbels-Theater'

Berliner Morgenpost: Interessant. Das ist ja mal ein origineller Vorwurf. Was hat man sich denn darunter vorzustellen?

Herbert Fritsch: Unterhaltung, um über politische Probleme wegzutäuschen. Da gibt es aber andere Maschinen, die das tun!