Ausstellung

Jüdisches Museum dokumentiert Leben in "Charlottengrad"

Das Jüdische Museum widmet von Freitag an eine Sonderausstellung dem Leben osteuropäischer Juden in Berlin in den 20er Jahren. Nach dem Ersten Weltkrieg sei die Stadt Zufluchtsort und Zwischenstation für Zehntausende von Juden gewesen, teilte das Museum mit.

Die Kriegs-, Pogrom- oder Revolutionsflüchtlinge kamen aus den ehemaligen Gebieten des Russischen Reichs und der Habsburger Monarchie nach Deutschland. Mit einer Fülle bislang unbekannten Materials, darunter Fotos, Zeichnungen und einem Film aus dem Jahr 1919, folgt die Ausstellung ihren Spuren in Berlin. Dabei will sie ein differenziertes Bild der beiden damaligen Zentren jüdischen Lebens zeichnen, dem Elendsbezirk "Scheunenviertel" und dem bürgerlichen Charlottenburg. Letzteres wurde wegen des hohen russischen Anteils der Bevölkerung auch "Charlottengrad" genannt. Der Stadtteil ist heute wieder begehrte Wohnlage der jüdischen Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion.

Für ein gutes Jahrzehnt sei Berlin damals zu einem Zentrum jüdischer Migration in Europa geworden, so das Museum. Ein Sehnsuchtsort sei die Stadt für die Einwanderer allerdings nicht gewesen, sondern Flucht- und Transitort zwischen Ost und West. Denn Berlin diente ihnen in der Regel als erste Zwischenstation auf der Weiterreise nach Palästina oder in die USA. Daher auch der Titel "Berlin Transit" der bis 15. Juli zu sehenden Ausstellung. Die sogenannten "Ostjuden" wurden von der deutschen Bevölkerung häufig als Bedrohung wahrgenommen, das "Scheunenviertel" unweit des Alexanderplatzes, wo die ärmeren Migranten lebten, war Ziel zahlreicher Razzien der Polizei. Zugleich erlebte die jüdische Kultur durch die Zugezogenen zwischen 1920 und 1933 eine reiche Blüte, von der es heute kaum mehr Spuren gibt.