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Berliner Buchhändler empfehlen

Dieter Hombach (58), Buchhandlung am Fellbacher Platz, Heinsestr. 25, Hermsdorf: Joshua Ferris erster Roman "Wir waren unsterblich" ist schon deshalb ungewöhnlich, weil er in Wir-Form geschrieben ist. Eine ganze Chicagoer Werbeagentur tritt als kollektives Wesen auf, beobachtet Einzelschicksale, dekliniert Gerüchte durch und wittert Existenzängste. Das Buch spielt im Jahr 2001, nachdem die Börsenblase der New Economy geplatzt ist. Auch die Werbeagentur, die gerade noch auf großem Fuß lebte, schrumpft sich gesund. Das lockerleichte Klima unter den Mitarbeitern schlägt um in Missgunst. Jeder hofft, dass der andere zuerst gehen muss. Im Mittelteil gibt es dann plötzlich ein Ich: Agentur-Chefin Lynn hadert mit ihrer Krebsdiagnose und fragt sich, ob sie überleben wird, verliert sich aber bald wieder im Wir. Durch die originelle Perspektive hinterlässt der Roman einen besonderen Eindruck. Als Leser kann man sich dem Wir nicht mehr entziehen und wird zum Komplizen.

Joshua Ferris: Wir waren unsterblich, Rowohlt Verlag, 448 Seiten, 9,99 Euro.