Kino

Auch die WG kommt in die Jahre

Wir müssen uns an dieser Stelle eines unbeliebten Stilmittels bedienen: der Altersklammer. Vor allem bei Frauen wird die Jahresangabe gleich hinter dem Namen als unschicklich empfunden. Über das Alter spricht man bekanntlich nicht. Genau darüber aber müssen wir hier sprechen. Menschen, die nicht mehr unserem grassierenden Jugendwahn entsprechen, werden heute euphemistisch "Best-Ager" genannt, auf Deutsch noch blumiger "Menschen im besten Alter" umschrieben.

Dabei ist natürlich das Gegenteil der Fall. Auch wenn gerade erst unsere Familienministerin festgestellt hat, dass wir heute 15 Jahre länger leben als noch zu Adenauers Zeiten und zu einer "Gesellschaft des langen Lebens" werden: Wer die 50 überschritten hat, kommt in der "werberelevanten Zielgruppe" schon nicht mehr vor. Das Alter wird in unserer Gesellschaft buchstäblich ausgeklammert.

Es ist nicht ohne Ironie, dass nun im Abstand von nur drei Wochen zwei Filme bei uns starten, die den Umgang mit dem Alter aufgreifen. Die nach Alternativen zur Endstation Seniorenheim suchen. Und dabei überraschend ähnlich vorgehen: Man nehme eine Reihe betagter Stars, stecke sie in eine Alters-WG - und stelle ihnen zur Sicherheit einen Jungstar zur Seite.

Nach Indien ausgelagert

Fallbeispiel Nr. 1, die britische Variante, startet diese Woche: "Best Exotic Marigold Hotel". Aus dem Land des Manchester-Kapitalismus kommt die radikalste Lösung: So wie man in der Wirtschaft unrentable Dienstleistungsbereiche auslagert oder gar ins Ausland verlegt, geht es hier um das komplette Outsourcing des Alters. Sieben Pensionäre, darunter Judi Dench (77), Maggie Smith (77), Tom Wilkinson (63) und Bill Nighy (61) drängt es aus der Heimat. Die eine, weil der verstorbene Mann Schulden hinterlassen hat und ihr Haus verkauft wird, die andere, weil sie auf der Insel Monate auf eine Hüft-Operation warten müsste, ein Beamtenpärchen, weil ihre magere Rente nur für eine trostlose Altersresidenz reicht. Sie alle werden angelockt von einer Hochglanzbroschüre, die eine kostengünstige Anlage in Indien preist. Doch dort angekommen, erweist sich die Luxusanlage als Bruchbude, in der nur der naiv-optimistische Jungbetreiber - Dev Patel (21) aus "Slumdog Millionär" - Zukunftspotential sieht.

Drehbuchautor Ol Parker ist gerade mal 41 und hat zuvor eine Komödie über Twentysomethings ("Imagine Me & You") geschrieben. Die Romanvorlage stammt allerdings von der 63-jährigen Deborah Moggach und Regie führte der 62-jährige John Madden ("Shakespeare in Love"). Der brachte Judi Dench an Bord, und nach und nach kamen immer mehr renommierte Schauspieler dazu. Die werden nun einem herrlichen Culture-Clash ausgesetzt. Es ist quasi die britische Antwort auf das Bollywoodkino, aber ganz ohne Tanz, ganz ohne Klischees. Die Alt-Stars agieren dabei völlig unprätentiös. Und am Ende wird ihr später Aufbruch tatsächlich so etwas wie ein Neuanfang.

Fallbeispiel Nr. 2, die französische Variante, folgt am 5. April. "Und wenn wir alle zusammenziehen?" wartet mit einer nicht ganz so exotischen, aber nicht weniger gewagten Lösung auf: nicht allein und nicht ins Heim. Dieser Film erinnert uns daran, dass die Pensionäre von heute die Hippies von einst waren. Der Gedanke einer Kommune kann ihnen also so unbekannt nicht sein. Weil man nicht mehr so oft zusammenkommt, wegen der Hunde, der Enkel und der Zipperlein, wird irgendwann die titelgebende Frage gestellt - und in die Tat umgesetzt. Diese Tragikomödie kommt aus dem Land des Savoir vivre, ergo sitzt man hier beschaulich im mondänen Landhaus bei Champagner. Man ist auch etwas internationaler: Der illustre Kreis umfasst nicht nur Urgesteine des Cinéma francais wie Pierre Richard (77) und Claude Rich (83), sondern auch Geraldine Chaplin (67) und Jane Fonda (74). Zu ihnen gesellt sich noch Daniel Brühl (33), nicht als Pfleger, sondern als Ethnologiestudent, der hier Feldforschungen über das Alter in der Gesellschaft betreibt.

"Und wenn wir...?" ist erst der zweite Film des Drehbuchautors und Regisseurs Stéphane Robelin (36), und es war zunächst schwierig, das Budget zusammenzubringen. Komödien über junge Menschen, die nicht wissen, wie sie erwachsen werden sollen, gibt es zur Genüge. Aber bei Komödien über Ältere sitzt das Geld nicht so locker. Das Projekt kam in Gang, als der deutsche Koproduzent Peter Rommel einstieg. Am Ende wurde es immer größer, bis zuletzt auch noch Jane Fonda zusagte, die kaum noch Filme dreht.

Diskussionen über Sex im Alter

Den Senioren dieses Films geht es finanziell weit besser als ihren britischen Kollegen. Dafür werden hier brisante Themen abgearbeitet, die im "Marigold Hotel" eher am Rande vorkommen. Da ist, erstens, das große Tabu, der Sex im Alter, der hier ständig diskutiert und auch noch praktiziert wird. Und da sind Krankheiten, gegen die Maggie Smiths Hüftleiden wie eine Bagatelle wirkt: Pierre Richard ist dement und setzt schon mal das Haus voller Antiquitäten unter Wasser. Claude Rich hat Probleme mit dem Herzen und soll ins Pflegeheim abgeschoben werden. Und Jane Fonda ist todkrank und entscheidet sich bewusst gegen eine medizinische Behandlung.

Das Alter, das zeigen beide Filme auf höchst unterschiedliche Art, ist kein Honigschlecken, aber in einer Gemeinschaft durchaus leichter zu ertragen. Das Schöne ist, dass sich diese Gruppenexperimente nicht auf die grauen Haare beschränken, sondern sich daraus eine neue Auseinandersetzung mit der Jugend und der Umwelt ergibt. Deshalb können sich Alt und Jung im Kino gleichermaßen vergnügen und rühren lassen. Auch Filmproduzenten sollte es eine Lehre sein, dass Senioren nicht nur kinotauglich sind, wenn sie sich kindisch ("Cocoon") oder unwürdig ("Kalender Girls"), also in jedem Fall altersuntypisch verhalten.