Fernsehen

Mit dem Traumschiff in den Ruhestand

Zum Abschied ist Musik bestellt. Klaus Doldinger spielt. Aus der Mainzer Staatskanzlei eilt Ministerpräsident Kurt Beck auf den Lerchenberg, um als Vorsitzender des Verwaltungsrats die Dankesrede für Markus Schächter zu halten. Kardinal Lehmann gibt seinen Segen dazu.

So viel Weihrauch war selten. Ende 2009 hatte der Verwaltungsrat dem Intendanten noch eine krachende Niederlage verpasst, als die konservative Mehrheit unter Führung von Roland Koch die Amtszeit des Chefredakteurs Nikolaus Brender - gegen den Willen Schächters - nicht wieder verlängerte. Ein Klamaukstück auf offener Bühne. Das war Mainz, wie es zofft und kracht.

"Das ZDF im Klammergriff der Politik" wurde zum geflügelten Wort. Schächter litt, blieb und hatte Erfolg. Aber er wollte seinen Dienst am Sender nicht mit einer weiteren Amtszeit krönen. Dabei hätte er in noch einmal fünf Jahren das recht intendantenübliche Renteneinstiegsalter von 67 Jahren erreicht - wie Stolte, Pleitgen oder Plog. Schächters Abschied hat daher auch einen Hauch von Vorruhestand.

Das ZDF und die Politik ist ein Dauerthema, seit Adenauer, für den Kritik ein Staatsvergehen war, sich einen gefälligen Fernsehsender als Kontrast zur aufmuckenden ARD schaffen wollte - und damit scheiterte. Fernsehen ist Ländersache - entschied 1961 das Bundesverfassungsgericht, und so zogen nicht Adenauers Satrapen, sondern die Ministerpräsidenten der Länder in die Aufsichtsgremien ein. Wirklich geschadet hat dem ZDF diese Nähe nicht. Schächters Vorgänger Dieter Stolte, der bravourös auf der politischen Klaviatur zu spielen verstand, holte trotz einer weitgehend konservativen Gremienmehrheit unabhängige Journalisten wie Klaus Bresser und schließlich Brender ins Haus und begann, das ZDF mit 3sat, arte und Phönix aus der Enge des Einkanal-Senders zu befreien, doch immer nur in geteilter Verantwortung mit der ARD. Das wurmte ihn mächtig.

Tatkräftige Hilfe der Medienpolitik

Schächter trat 2002 sein Amt in einer Umbruchzeit an und hatte die Chance, ein neues Kapitel ZDF-Geschichte zu schreiben. Die Welt wurde digital und das ZDF unter Schächter zum Multimediahaus, das die Grenzen des klassischen Antennenfernsehens aufbrechen und auf neuen Kanälen samt Mediathek eine Generation ansprechen konnte, die mit dem Schnulzenfernsehen à la "Traumschiff" und Rosamunde Pilcher nicht mehr zu gewinnen war. Mit tatkräftiger Hilfe der Medienpolitik konnte das ZDF expandieren. Es war doch nicht so schlecht, ein paar Ministerpräsidenten in nächster Nähe zu wissen.

Die Nische weist den Weg

Das hatte Schächter schon vorher erfahren. Er verdankte seinen Einstieg ins Intendantenamt einem parteiübergreifenden politischen Deal. Tagelang hatten CDU- und SPD-Freundeskreise die Kandidaten für die Stolte-Nachfolge angehört und sie nach dem Motto "Haust du meinen, hau ich Deinen" wieder abgeschossen, bis - wie die Legende sagt - ein rheinland-pfälzisches Dreigestirn unter Führung von Kurt Beck, assistiert vom ehemaligen Mainzer Ministerpräsidenten Vogel und der Merkel-Vertrauten Maria Böhmer den Programmdirektor Schächter, aufgewachsen in Hauenstein (Pfalz) und ehemaliger Pressereferent der Mainzer Kultusministerin Hanna-Renate Laurien aus seinem nahegelegenen Kräutergarten herbei zitieren und flugs zum Intendanten wählen ließ. "Pfälzische Lösung" spotteten Insider damals. Die Vermutung, dass die Heimat-Mafia die Zermürbungstaktik nur nutzte, um den von ihnen favorisierten Kandidaten als Retter in letzter Not zu präsentieren, ist so abwegig nicht. Der werkelte nämlich gar nicht im Garten, sondern saß, obwohl Wochenende, ein paar Etagen über dem Sitzungssaal in seinem Büro.

Mit 52 Jahren war Markus Schächter für das Intendantenamt ein junger Mann. Er hat seit 1992 als Programmplaner und Programmdirektor den Kurs des Unterhaltungsdampfers ZDF in die Gefilde des Pensionärsfernsehens mitgesteuert, in dem der Durchschnittszuschauer inzwischen 61 Jahre alt ist, wo im Umfeld der heute-Sendung ständig das Wort "Apotheke" nervt und wo "Wetten dass..." als erste ZDF-Sendung in der TOP 400 der Zielgruppe der 14- bis 29jährigen auf Platz 144 gegen den weiteren Abstieg kämpft. Viel Erfolg, Markus Lanz. Das ZDF hat den Generationenabbruch nicht vor sich, es hat ihn schon hinter sich. So schnell werden die neuen Digitalkanäle zdf.neo, zdf.kultur und zdf.info mit ihren Marktanteilen zwischen 0,1 bis 0,5 Prozent kaum auf einen Quotensturm hoffen können, so dass Schächters Nachfolger Thomas Bellut nur ein Weg bleibt, um das altbackene Image des ZDF etwas aufzuhellen: Er muss erprobte Formate und Moderatoren aus dem digitalen Abseits ins Hauptprogramm heben. Das heißt, etwas mehr vom Kulturmagazin "Marker" (zdf.kultur) als "Aspekte", etwas mehr "Bambule" (zdf.neo) als "Berlin direkt". Dabei wird der reifere Zuschauer bei der direkten Aussprache der "Bambule"-Macherinnen erst einmal schlucken. Die jungen Damen wünschen sich in der Politik mehr "Charakterköpfe" - mit "Eiern aus Stahl". So stahlhart ausgestattet ist in ihren Augen derzeit nur eine: Angela Merkel.

Und Bellut? Der Mann, der in der Ära Stolte Volontär in der Chefredaktion war, der später bei "Was nun?" Helmut Kohl das Eingeständnis entlockte, Millionen an Spendengeldern an der Parteikasse vorbei geschleust zu haben und der unter Schächter für Kultur und Vergnügen zuständig war, hat schon die Zukunftsweichen gestellt. Er beruft den Chef der Digitalprogramme, Norbert Himmler, zu seinem Nachfolger in der Programmdirektion und sendet damit das Signal ins Haus: Von den Jungen lernen! Auch politisch stehen Bellut harte Zeiten bevor. Gebührenerhöhungen sind passè. Die Politik will die Zahl Digitalprogramme wieder kappen. Und das Verfassungsgericht entscheidet über die Zahl der Staatsvertreter in den Aufsichtsgremien des ZDF.

Weniger Politik in den Gremien hieße zwar weniger Ärger, aber auch weniger handfeste Hilfe bei der Durchsetzung von ZDF-Interessen in den Hinterzimmern der Politik. Was Bellut braucht ist Stoltes Verhandlungsgeschick, Schächters Zukunftsblick und das, was die Damen von "Bambule" sich von Entscheidern wünschen: einen "Charakterkopf" und - siehe oben - "aus Stahl".

Morgenpost-Autor Ernst Elitz: Er war von 1994 bis 2009 Gründungsintendant des Deutschlandradios. Er arbeitete für ARD und ZDF und lehrt an der Freien Universität Berlin Kultur- und Medienmanagement