Interview

"Ich hatte Heimweh nach Deutschland"

Es ist jetzt keineswegs so, dass James Mercer in den vergangenen fünf Jahren untätig gewesen ist. Damals ist das letzte Album der Shins erschienen und kam bis auf Platz zwei der US-Charts, währenddessen bekamen der Musiker und seine Frau zwei Töchter, außerdem veröffentlichte er mit dem Produzenten Brian Burton alias Danger Mouse ein hochgelobtes Album unter dem Projektnamen Broken Bells.

Bloß von den Shins war nichts zu hören - abgesehen von Meldungen über diverse Umbesetzungen, Ausstiege und Rauswürfe. Nun aber hat Mercer die Shins reaktiviert und meldet sich mit dem vierten Album zurück. Es heißt "Port of Morrow". Steffen Rüth hat mit dem 41-Jährigen gesprochen.

Berliner Morgenpost: Mister Mercer, ich habe mir den "Port of Morrow" im Netz angesehen. Das ist ein ziemlich trist wirkendes Industriegebiet am Columbia River, irgendwo in der Pampa von Portland. Was soll das mit dem Albumtitel?

James Mercer: Ich glaube auch nicht, dass wir den Ort nennenswert popularisieren werden. Den Ausschlag, die Platte so zu nennen, gab nicht das Gewerbegebiet selbst, sondern das Hinweisschild an der Autobahn, wenn du von Idaho kommend nach Oregon reinfährst. Für mich hat dieser Wegweiser einen mystischen, geheimnisvollen Klang. Er verheißt etwas, das in der Realität nie und nimmer eingehalten wird. Und doch hat der Port of Morrow meine Fantasie angeregt. Letztlich ist so ein Hafen ja auch der letzte Ort vor dem Nichts, und somit eine Metapher für das Ende. Für den Tod, der irgendwann bei uns allen auf dem Programm steht.

Berliner Morgenpost: Die Single "Simple Song" ist schon jetzt ein Hit.

James Mercer: Das Lied handelt von meiner Frau und mir, von unserer glücklichen Beziehung und von unseren beiden kleinen Mädchen. Die sind jetzt vier und zwei Jahre alt. Das ist wohl das geradlinigste und unverblümteste Liebeslied, das ich in meinem Leben je geschrieben habe.

Berliner Morgenpost: Wo verläuft denn die "40 Mark Strasse"?

James Mercer: In der Pfalz. Auf der Straße zwischen Kaiserslautern und Ramstein standen immer diese jungen Mädchen. Mein Vater war auf der Airforce-Basis in Ramstein stationiert, die Soldaten benutzen immer diesen Ausdruck für die Straße. Ich fand die Mädchen spannend, sie sahen aus wie etwas ältere Schülerinnen, und ich fragte meine Eltern, warum die da immer stehen. So lernte ich mit neun oder zehn, was Prostituierte sind. "Ladies of the Evening" war der Ausdruck, den meine Mutter benutzte. Mich hat das irritiert und auch ein bisschen angezogen. An Deutschland habe ich wirklich nur schöne Erinnerungen.

Berliner Morgenpost: Ist das Lied "The Fall of 82" eine Erinnerung an Ihre Kindheit?

James Mercer: Ja. Nach unserer Zeit in Deutschland zogen wir wieder nach New Mexico, das war ein Kulturschock für mich. Ich war 11 oder 12, im Kopf noch ein Kind, aber plötzlich erschien mir die Welt so erwachsen. Ich kam nicht gut mit der Situation klar, meine Eltern waren auch keine Hilfe, sie verstanden mich nicht. Ich glaube, ich hatte vor allem Heimweh nach Deutschland.

Berliner Morgenpost: Sie haben zuletzt auch geschauspielert, und zwar in "Portlandia". Portland gilt ja sowieso schon als hipper Ort....

James Mercer: ...die Leute in Portland schauen die Serie wie verrückt. Ich weiß auch nicht, ob "Portlandia" gute oder schlechte Werbung für die Stadt ist. Die Show macht sich ja ganz schön lustig über uns.

Berliner Morgenpost: Sind Sie ein typischer Portland-Bewohner?

James Mercer: Total. Von vorne bis hinten. Wir halten uns schon wirklich für verdammt lässig (lacht).

The Shins treten am 28.3. zum einzigen Deutschland-Konzert im Huxley's auf