Komische Oper

Das Pferd macht sich zum Affen

Endlich wagt sich die Komische Oper wieder einmal an eine "Komische Oper" heran. Aber das ist gar nicht so einfach wie ein Wagner, Verdi oder Puccini. Die Zuhörer zielstrebig zum Lachen zu bringen und das zu allem Überfluss auch noch wie am laufenden Band, ist zweifellos keine einfache Sache.

Eugène Scribe war darauf geeicht. Er war ein Librettist, um den sich die Komponisten rissen.

Er war einfallsfroh und berufserfahren. Er lieferte jedem Auftraggeber den auskomponierbaren Frohsinn ins Haus. So auch Auber, dessen Lieblings-Librettist Scribe wurde. Heute würde Scribe wahrscheinlich gar nicht mehr von der Fernsehleinwand herunterkommen. Seine Libretti waren eine Unentbehrlichkeit für den Dauererfolg.

Sie wurden natürlich in Bausch und Bogen verrissen. Sie konnten es keinem recht machen. Außer dem Publikum. Sie heizten ihm gründlich ein mit Humor, mit Überraschungen, mit Schrecken, mit Süßlichkeiten. Scribe und seine Mitarbeiter verstanden ihr Handwerk genau: sie hatten freie Hand gegen alle erdenklichen Winde zu segeln, wenn sie nur im Hafen des unerschöpflichen, des überraschenden Gelächters landeten. Die "Opéra Comique" war ein Ding wie eine Handgranate, die verlässlich das unaufhörliche Gelächter zündete. Kein Wunder, dass sich Auber diesen Scribe zum Mitarbeiter wählte.

Er schrieb ihm die Geschichte vom "Bronzenen Pferd" . Sie ist von Anfang schon verdreht genug, um drei ausgedehnte Akte lang Überraschungen am laufenden Band zu säen. Dabei bekommt man das vielberedete und viel besungene Pferd über die Stunden hin gar nicht zu Gesicht. Es trägt sozusagen seine Reiter, durch die Bank Männer, in den Frauenhimmel hinauf, von dem sie ein Leben lang träumen. Doch wehe, sie versuchen sich dieses Glücks handgreiflich zu nähern, schon wieder wiehert es bronzen im Stall, dem Pferd wird ohne Umschweif der sich versündigende Reiter wieder aufgeladen. Es schmeißt den unfreiwilligen Reiter stumm auf die Erde hinunter. Nun sing mal schön - aber verrate kein einziges Wort darüber, was dir widerfahren ist. Nichts schwieriger aber, als in der "Opéra Comique" den Mund zu halten. Die Herumdruckserei ist nicht gerade abendfüllend. Dagegen komponiert Auber mit Schneid und Grazie an. Seine Musik hüpft geradezu von Pferd zu Pferd, ohne sich je abwerfen zu lassen. Sie vertraut voll und ganz ihrem Charme, ihrem Tempo, ihrer Leichtgewichtigkeit, ihrem melodischem Zündstoff. Den bringt das kultiviert pfiffige Orchester der Komischen Oper denn auch deutlich heraus. Dafür sorgt schon der vielerfahrene, leichthändige Maurizio Barbacini am Pult, der sich selbst von einem Meister wie Auber nicht aus der Ruhe bringen lässt, die bei Auber herausfordernd Tempo heißt. Die Musik kommt, außer bei ein paar nicht allzu melodiös beredter Arien, aus dem eleganten Dahingaloppieren selten heraus.

Große Affenschar auf der Bühne

Was die Sache noch schwieriger macht, ist die Tatsache, dass die Handlung in China spielt, in dem sich alles, was nicht im Orchestergraben beschäftigt ist, sich pausenlos vor einander auf die Knie werfen muss. Der Muskelkater wird von den Stimmbändern schlankweg in die Beine weitergereicht. Die einzigen, die von dieser Devotionsgymnastik befreit sind, ist eine nicht unerhebliche Affenschar, die es der Regie nicht immer zu vertreiben gelingt, genauso wenig wie die beiden kolossalen Pandabären, die gern unerwartet von der Hinterbühne hereinlungern.

Immer, wenn man denkt, man habe sie nun endlich ein für allemal vom Halse, bricht die spektakuläre Schar von der Hinterbühne überflüssigerweise immer wieder hervor. Frank Hilbrich, der Regisseur, bemüht sich rege, mit allem chinesischen Drunter und Drüber fertig zu werden. In seinem anerkennenswerten Eifer übersieht er leider die Längen, an denen die beiden Einleitungsakte leiden. Sie ziehen den vermeintlichen Spaß über Gebühr in die Länge, so dass man sich gern selber auf das bronzene Pferd schwingen würde, um sich aus dem chinesischen Erdenstaube zu machen. Obwohl es im 3. Akt sexy wird. Da steht also die überirdische Frauenparade splitternackt vor den antrabenden Männern, aber ob es ihr wirklich gelingt, sie, wie erhofft, erotisch zu fesseln, bleibt dahingestellt. Die Nackedeis sind nicht echt. Sie sind nur hingepinselt. Es war hübsch, Aubers Funkelmusik in sich hineinzulöffeln, sie überhaupt erst einmal kennenzulernen.

Sie macht durch ihre freundliche Besessenheit Freude, zumal sie mit Pfiff, Verständnis und Achtsamkeit serviert wird. Maurizio Barbacini ist der Held des Abends. Er versteht es, Stilgefühl nahtlos mit Gutgelauntheit zu verbinden. Leider halten nicht alle Sänger, was ihnen die Rollen versprechen. Am besten kommen die Damen mit ihren durchaus anspruchsvollen Aufgaben zurecht. Violetta Madjarowa ist die Ehrendame, die sich bis ins Jenseits hinaufwagt, ihres Liebhabers habhaft zu werden.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Nächste Vorstellungen: 20., 26. März; 7. und 27. April