Geitels Geschichten

Der treue Dirigent

Er gehörte zu den Wegweisern eines unprätentiösen Musikmachens. Der Dirigent Carl Schuricht, 1880 in Danzig geboren, fühlte sich weder dem Musikmarkt, noch den Besuchern seiner Konzerte verpflichtet.

Er wusste, er habe einzig den Wünschen, den Vorschriften der Komponisten zu folgen. Ich habe ihn zum ersten Mal am 11. November 1940 am Pult der Philharmoniker gehört und war von seiner Strenge am Pult hingerissen. Es gab kein Gefuchtel am Pult, keinen Griff nach irgendwelchen Sternen am philharmonischen Himmel. Es gab nichts als Spielanweisungen der korrektesten Art.

Es setzte Überraschungen wie sonst nur bei Uraufführungen - und dabei stand Mozarts C-Dur-Sinfonie KV 338 auf dem Programm. Es war für mich keine Frage: Ich musste ganz einfach zur Erinnerung daran ein Autogramm dieses ungewöhnlichen Meisters haben - und ich erhielt es im Künstlerzimmer auf die denkbar freundlichste Weise.

Es war im Grunde vorhersehbar, dass Schuricht auf seine zurückhaltende Art sich nur langsam, wenn überhaupt, in die Spitzengruppe der Dirigenten hineindirigieren, nicht etwa hineintaktieren würde. Er erregte weder Aufsehen durch die Schönheit seiner Erscheinung noch durch attraktives Herumgefuchtel mit seinem Stöckchen. Auch die Länge und Lautstärke des Beifalls schien ihm herzlich gleichgültig.

Seine Lehrzeit war nicht von schlechten Eltern gewesen. Er war bei keinem Geringeren als Engelbert Humperdinck in Berlin in die Musikhochschule gegangen, dem Meister von "Hänsel und Gretel". Ein solches, weltweit erfolgreiches Bühnenwerk hätte zweifellos auch Schuricht gerne geschrieben. Es stellte sogar Lehar-Operetten in den Schatten. Heutzutage sind die meisten vergessen, "Hänsel und Gretel" nicht.

Carl Schuricht leider schon eher. Sein junges Leben hatte sich zunächst in die musikalischen Büsche zu schlagen. Lehrzeiten sind bekanntlich keine Herrenjahre. Schuricht wanderte durch die Lande. Von Mainz nach Dortmund, von Dortmund nach Goslar, von Goslar nach Zwickau, von Zwickau endlich nach Frankfurt am Main, und das natürlich nicht gerade im professionellen Schnellzug, wie ihn heutzutage, mit oder ohne Fahrschein, die jungen Leute besteigen. Drei Jahre später wird Schuricht, inzwischen 32 Jahre alt, als 1. Dirigent nach Wiesbaden verpflichtet. Als er die Stadt wieder verlässt, nun als scheidender Generalmusikdirektor, ist er 66. Er rettet sich aus dem tobenden Krieg in den friedlichen Dirigentenhafen namens Schweiz hinüber. Dort steht ihm der freundliche Kollege Ernest Ansermet, der schon Furtwängler betreute, zur Seite. Bis ans Ende seiner Tage, Schuricht wird 87 Jahre alt, nimmt er keine feste Position mehr an.

Vom Festspielausland hatte er vor dem Kriege nur jahrein, jahraus das friedliche Scheveningen gesehen, das einst auch den frisch gebackenen Berliner Philharmonikern als Anlaufstelle gedient hatte. Die hatten Schuricht allerdings schon viel früher eingeladen. Bei ihnen hatte er bereits 1921 debütiert und dabei Mahlers 6. Sinfonie aufgeführt. Die hätte auch ich gern von ihm gehört. Aber leider war ja Mahler damals verboten und einzig Schuricht erlaubt.

Seine Nachkriegskarriere bestimmte die unaufhörliche Wanderschaft. Die Wiener Philharmoniker luden den inzwischen 76-jährigen Schuricht ein, gemeinsam mit André Cluytens 1956 ihre erste Amerika-Tournee zu leiten: zweifellos eine ganz besondere, zudem höchst verdiente Auszeichnung. Sie wird noch dadurch erhöht, dass die Wiener ihn in den Rang eines Ehrendirigenten erheben. Spät im Leben stürzen auf Schuricht die lange verzögerten Ehren nieder.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern