Konzert

Eine verruchte Kurzgeschichte der Tindersticks

Der Chef der Plattenfirma kommt erst nach dem Singer-Songwriter, der für die Tindersticks eröffnet. Zwei Abende hintereinander die Volksbühne ausverkaufen, das macht mächtig stolz. Über dem Schal blitzt dieses Kaugummi kauende Gewinner-Lächeln.

Aber auf die Stufen setzen, wolle er sich nicht, sagt er bestimmt zu seiner weiblichen Begleitung, das bereite Rückenschmerzen. Weit und breit ist kein freier Platz mehr in Sicht. Unter Applaus betritt die britische Band also den zweiten Abend in Folge den hölzernen Bühnenboden. Der Walross-Bart des Sängers Stuart Staples zeugt von zeitlosem Stilbewusstsein, das rote Einstecktuch des Schlagzeugers von lässiger Eleganz. Aber wer seit zwanzig Jahren formvollendete Gitarren-Pop-Songs in orchestralem Gewand schreibt und spielt, der sollte sich auch einen guten Schneider leisten können.

"Blood", die Ballade mit der wehmütigen Orgel, die natürlich nur mit geschlossenen Augen vorgetragen werden kann, eröffnet diesen Abend. Im roten Licht der auf ihn gerichteten Scheinwerfer gibt sich Staples vollends einer Frage hin. Mit der rechten Hand umgreift er das Mikrofon, der linke Arm ist gebeugt, dicht am Körper. "Where does the blood go?/ It runs away from broken lives", brummt er die Antwort mit zartem Tremolo in der Stimme. Einzelne Gitarrentöne schwirren wie Glühwürmchen dazwischen.

Beim vierten Song setzt sich der Sänger einfach ins Dunkel. David Boulter, der Organist, beginnt mit "Chocolate" vom gerade erschienen Album "The Something Rain". Das Stück ist eine instrumentierte Kurzgeschichte, bei der der Drummer mit dem Schlegel auf den Rücken einer Ukulele klopft. Dazu erklingen allerlei geheimnisvolle Töne, wie aus einem Hörspiel, wenn bei den drei Fragezeichen ein Ufo landet. Der Protagonist zieht abends los, landet im Apartment einer hübschen Dame. Sie rauchen, trinken heiße Schokolade und als es zur Sache geht, stellt der Bezirzte fest, dass die Dame ein Herr ist. Aber die Augen, das Haar - der Anmut tut es keinen Abbruch. Egal, er stehe ja eh nicht so auf Brüste, ist die einzige Reaktion, bevor es weiter geht. Es wird gelacht im großen Saal.

Es ist eine schöne Nacht, in der die Herren im besten Alter aus Nottingham den Vollmond anheulen. Noch ein letztes Mal klopft der Sänger Staples die mit verschiedenen Farben gefüllten Klanggläser ab, dann verneigt sich die Band galant und ruhig.