Mark Waschke

Diesen Mann müssen Sie sich merken

Es soll ja immer noch Menschen geben, die Mark Waschke nicht kennen. Dann wird das aber Zeit. Der Schauspieler hat immerhin zehn Jahre lang in Berlin an der Schaubühne gespielt. Und er war der Thomas Buddenbrook in Heinrich Breloers Neuverfilmung von "Buddenbrooks".

Die Thomas-Mann-Verfilmung ist zwar nicht ganz das geworden, was man sich erwartet hatte, aber das lag bestimmt nicht an den Darstellern. Waschke war da, zwischen Iris Berben, Armin Mueller-Stahl, Jessica Schwarz und August Diehl, der große Unbekannte, dem die Schlüsselrolle, die des Thomas Buddenbrook, zukam. Breloer war sich sicher: "Der wird ganz groß." Das wäre, nach dem Willen des Regisseurs, natürlich gleich mit seinem Opus passiert, hätte aber spätestens mit dem Kriegsdrama "Habermann" passieren müssen, für das Waschke den Bayerischen Filmpreis gewann.

Früher musste er sich abarbeiten

In dieser Woche sind nun gleich zwei Filme mit Waschke angelaufen. Das kann man toll oder unglücklich finden. Deutsche Filme haben es ja nicht immer leicht im Kino, schon gar nicht, wenn sie gegeneinander antreten. "Ich hätte es mir anders gewünscht", gesteht er. "Man hätte sich beiden Filmen besser widmen können." Man kann es natürlich auch als Geschenk ansehen: Waschke feiert heute seinen 40. Geburtstag. Und es hat vielleicht auch was Gutes: dass er jetzt gar nicht so viel Zeit hat, um über den "Runden" nachzudenken. In seinem Umfeld hört er schon seit Tagen so seltsame Sachen, mit 40 geht man auseinander, wird man träge und sieht nicht mehr so gut aus beim Tanzen...

Waschke trägt einen waschechten Berliner Namen. Stammt aber aus Wattenscheid. So blond und blauäugig wie er ist sonst nur Matthias Schweighöfer. Aber ein Sonnyboy wie jener ist Waschke nicht. Mit ihm geht man besser nicht in den Wald. Das zumindest ist eine Lehre, die man aus seinen neuen Filmen zieht. In "Barbara", Petzolds gefeiertem DDR-Drama, spielt er nur eine Nebenrolle, den West-Geliebten der Ost-Ärztin Nina Hoss. Heimlich treffen sie sich zur Liebe im Wald, immer belauert von der Stasi. Und in "Schilf", der Juli-Zeh-Verfilmung, in der er die Hauptrolle spielt, da geht er in den Wald und spannt ein Drahtseil zwischen zwei Bäume, um einen Radfahrer zu enthaupten. Wir wollten uns gerade deshalb eigentlich mit ihm im Wald treffen. Als wir ihm das sagen, muss er herzlich lachen. Hat aber nicht geklappt. Wir treffen uns stattdessen in einem Café in Tiergarten, seinem Kiez. Am Ende stellt er sich immerhin vor ein kleines Birkenwäldchen. Das ist indes eingezäunt. Seine Filmfiguren wären wahrscheinlich drüber gestiegen. Einen Moment überlegt der Schauspieler. Ist ihm dann aber doch zu riskant mit seinem langen Mantel.

Beim Espresso, mit viel Wasser, gesteht er uns gleich: "In Physik war ich immer ganz schlecht." In der Oberstufe hatte er Chemie und Biologie bereits abgewählt, ein naturwissenschaftliches Fach musste er aber behalten. Er hat dann gerade mal so die fünf Punkte bekommen, die man brauchte. Jetzt aber, in "Schilf", spielt er einen Physikprofessor, der die Existenz von Paralelluniversen beweisen will - und dann plötzlich selber in einem landet, wo sein Sohn entführt wird und er zu einem Mord erpresst wird. Seither, versichert Manuela Stehr, Produzentin des Films, könne er ganze physikalische Vorträge halten. Und wirklich, wir machen die Probe aufs Exempel, er kann uns aus dem Stand ein sehr komplexes Doppelspalt-Experiment schildern, das wir jetzt aber in aller Länge nicht ausführen können. Nur so viel: Er ist schon sehr überzeugend. Er hat offensichtlich auch führende Physik-Fachzeitschriften überzeugt, die großen Interesse an dem Film hatten - und Angst, der Thriller würde das Thema nicht ernst genug nehmen. Was schon dadurch widerlegt wird, dass auch die Regisseurin, Claudia Lehmann, Physik studiert hat. Zur Beruhigung sollte man vielleicht konstatieren, dass man "Schilf" trotzdem auch genießen kann, wenn man nur fünf Punkte in Physik geschafft hat.

Glaubt Waschke selbst an Paralelluniversen? Energisches Kopfschütteln. Das sei eine Frage von physikalischen Experimenten, aber nichts für den Alltag. "Ich existiere ganz im Hier und Jetzt." Auch im Beruf gibt es bei ihm kein Paralleluniversum. Nina Hoss, seine Partnerin nicht nur in "Barbara", sondern auch schon kurz zuvor in "Fenster zum Sommer", pendelt ständig rastlos zwischen Kino und Theater, Kamera und Bühne. Waschke, der wie sie sein Handwerk an der Schauspielschule Ernst Busch gelernt hat, war dagegen lange "nur" Theatermann. An der Schaubühne. Er liebte den "Arbeitszusammenhang" dort, seine Arbeit mit Ostermeier, dem Ensemble, das Gegenwartstheater, die physischen Herausforderungen. "In meinen Zwanzigern", sagt er, "musste ich mich ständig körperlich abarbeiten." Kino hat ihm da nicht gefehlt.

Kino-Spätzünder mit 35

Aber, vielleicht ist das ja schon das Alter, dieses Abstrampeln braucht er jetzt nicht mehr so. Sehr viel wahrscheinlicher hat die Entscheidung, das Theater zu reduzieren, aber mit der Geburt seiner Tochter zu tun. Lange Probenarbeiten will er jetzt nicht mehr auf sich nehmen. Deshalb ist er seit 2008 nicht mehr fest im Ensemble der Schaubühne. Zum Kino kam er dagegen erst mit Verzögerung. Ein echter Spätzünder. Im Fernsehen gab es "schon mal einen 'Alarm für Cobra 11'" und ähnliches. Waren aber alles winzige Auftritte. Kein Vergleich zu seinen Bühnenrollen in "Lulu", "Die Katze auf dem heißen Blechbach", "Der Kirschgarten" oder, seine letzte große Theaterrolle, schon nicht mehr in Berlin, sondern in Köln, "Leonce und Lena". Die Premiere auf der Leinwand feierte er erst vor fünf Jahren mit Angela Schanelecs "Nachmittag". Da war er schon 35. Und dann kam auch schon das "Buddenbrooks"-Angebot. Seither steht die Prophezeiung von Breloer im Raum und wartet noch auf ihre Erfüllung. Waschke aber ist da ganz relaxt. Er sieht sich schon als zielstrebig, weiß aber, dass er bestimmt nicht draufgeht, wenn er mal etwas nicht schafft. "Meist komme ich so viel gelassener dahin, wohin ich möchte."

In einem Paralleluniversum würden wir jetzt vielleicht noch bei einem zweiten Espresso verweilen. Oder im Wald spazieren gehen. In diesem Leben aber ruft den einen das Büro. Und den anderen der anstehende Geburtstag.