Polina Semionova

"Ich hatte viele Fragen"

Die Primaballerina Polina Semionova ist 27 Jahre alt, ein Weltstar - und hat gerade vorzeitig ihren Vertrag beim Staatsballett Berlin aufgekündigt. Im Interview erklärt sie einige der Hintergründe.

Foto: Amin Akhtar

Morgenpost Online: Frau Semionova, warum verlassen Sie so plötzlich die Compagnie?

Polina Semionova: Zuerst: das war für mich eine schwere Entscheidung! Die habe ich nicht erst ein paar Tage vorher getroffen. Schließlich bin ich schon fast zehn Jahre in der Compagnie und sie ist ein Stück meines Herzens. Es war mein erstes Engagement, Berlin ist mein Zuhause. Aber es gibt auch einige Probleme, für die ich versucht habe, Lösungen zu finden. Zwei Jahre lang habe ich mich damit auseinander gesetzt. Dann wusste ich, dass ich diese Entscheidung treffen musste.

Morgenpost Online: Um welche Probleme geht es?

Polina Semionova: Es geht doch nie nur um eine einzelne Sache. Es geht auch nicht nur um künstlerische Dinge, ich brauchte die Beratung eines Rechtsanwaltes. Ich hatte viele Fragen. Aber im Moment möchte ich auch noch nicht darüber reden. Wir haben das auch so verabredet, weil wir noch in Verhandlungen sind.

Morgenpost Online: Sie geben Ihre Position als Erste Solistin auf, wollen aber weiter hier tanzen?

Polina Semionova: Ich hoffe, dass ich beim Staatsballett weiterhin Vorstellungen tanzen kann. Ich warte jetzt auf die Antwort. Dabei geht es nicht nur um Vladimir Malakhovs Antwort, sondern auch um die von Herrn Vierthaler, dem Geschäftsführenden Direktor.

Morgenpost Online: Hat sich Ihr Verhältnis zu Vladimir Malakhov verändert?

Polina Semionova: Das ist für mich schon schwierig, weil er mein Partner, mein Freund ist. Er hat mich in die Compagnie geholt, er ist auch mein Chef. Ich hoffe, dass wir einen gemeinsamen Weg finden. Er wusste bereits seit Monaten, was ich vorhabe. Wir haben schon lange verhandelt.

Morgenpost Online: Wann haben Sie innerlich entschieden wegzugehen?

Polina Semionova: Im November.

Morgenpost Online: Was sind jetzt Ihre Pläne?

Polina Semionova: Zunächst warte ich darauf, was beim Staatsballett passiert, ob ich hier auch weiterhin Vorstellungen tanzen kann.

Morgenpost Online: Sie springen in keine neue Compagnie?

Polina Semionova: Ich habe mein festes Engagement beim Staatsballett Berlin nicht gekündigt, weil ich die Compagnie wechseln will. Ich habe natürlich viele interessante Pläne für die nächste Saison, aber zum jetzigen Zeitpunkt kann ich öffentlich nur über die laufende Spielzeit sprechen. Beim Staatsballett habe ich noch zwei Vorstellungen von "Romeo und Julia" am 6. und 9. April. Dann tanze ich in der großen Premiere von Duato/Forsythe/Goecke am 27. April. Anschließend gastiere ich beim American Ballet Theatre in New York. Dann folgen Vorstellungen in Japan bei einem Welt-Ballettfestival im August. Das sind meine nächsten Monate.

Morgenpost Online: Ist Ihnen Berlin mittlerweile zu klein geworden?

Polina Semionova: Berlin ist doch keine kleine Stadt. Aber schon klar, Ihre Frage dreht sich um die Compagnie. Ich kann mich nur wiederholen, meine Entscheidung hat viele verschiedene Gründe.

Morgenpost Online: Sie haben vor kurzem geheiratet?

Polina Semionova: Ja.

Morgenpost Online: Ihr Mann ist Ensembletänzer im Staatsballett. Führte die Ehe zur Entscheidung?

Polina Semionova: Nein, und wir hoffen beide, dass wir in Berlin bleiben. Ich liebe die Stadt und würde schon gerne hier leben.

Morgenpost Online: Das Staatsballett ist ein Stück Ihres Herzens, sagen Sie. Von jung auf waren Sie in einen solchen Ensemblekosmos eingebunden. Haben Sie keine Angst, ihn zu verlassen?

Polina Semionova: Ich habe meinen Mann, meine Schwester, meinen Bruder, meine eigene Familie.

Morgenpost Online: Das Staatsballett bietet seiner Tänzerfamilie auch ein umfangreiches Equipment, Trainingsangebote, medizinische Unterstützung, Beratung jeder Art. Das wollen Sie künftig alles allein organisieren?

Polina Semionova: Das ist kein einfacher Weg. Aber ich werde den besten Weg finden.

Morgenpost Online: Sie kommen viel umher. Beim American Ballet Theatre haben Sie letztes Jahr debütiert. Zeichnet sich dort eine feste Bindung ab?

Polina Semionova: Dort habe ich letzte Spielzeit gastiert. Gut, ich hatte das Angebot als Gast und auch für ein festes Engagement, auch in anderen Ländern. Aber ich brauche etwas Zeit, um das alles auszutarieren. Ich treffe nie vorschnelle Entscheidungen.

Morgenpost Online: Es gibt mehrere Erste Solistinnen im Staatsballett. Sind da nicht Eifersüchteleien und Streitereien programmiert?

Polina Semionova: Ach, es gibt genügend andere Sachen, über die ich nachdenken muss. Tatsächlich ist es so, dass man auch untereinander befreundet sein kann.

Morgenpost Online: Sie trainieren miteinander, aber sind zugleich harte Konkurrentinnen?

Polina Semionova: Ich kenne das doch nicht anders, seit ich auf die Ballettschule gekommen bin. Man muss immer das machen, was man will, braucht und kann. Du musst immer auf dein Leben achten und nicht auf das der anderen. Gute Freunde sind natürlich davon ausgenommen.

Morgenpost Online: Zehn Jahre waren Sie im Staatsballett.

Polina Semionova: Es war eine schöne Zeit. Als ich mit 17 in die Compagnie kam, wusste ich nichts. Ich habe gelernt, ja zu sagen und nein zu sagen. Ich habe gelernt, dass es nicht nur ums Ballett geht, sondern auch, wie man das Leben dahinter organisieren muss.

Morgenpost Online: Tausende Ballettmädchen schauen ehrfürchtig zu Ihnen auf. Was geben Sie denen als Lebenserfahrung mit?

Polina Semionova: Man muss immer versuchen, auf sein Herz zu hören. Das Tänzerleben ist kurz.

Morgenpost Online: Sie sind in der strengen russischen Schule aufgewachsen. Ist es ein gutes Lehrmodell?

Polina Semionova: Ich kann nicht vergleichen, wie es anderswo in der Welt gehandhabt wird, weil ich nur die eine Schule kenne. Dort war es schon anstrengend. Aber ich glaube, die russische Schule ist gut, nicht nur fürs Ballett, auch fürs Leben.

Morgenpost Online: Haben Sie manchmal das Gefühl, im Leben etwas verpasst zu haben?

Polina Semionova: Ich habe immer viel getanzt und hatte nie richtig Freizeit. Ich habe das nie als Verlust gefühlt. Aber manchmal bereue ich schon, dass man so wenig Zeit für die eigene Familie hat. Familie gehört zu den wichtigsten Dingen im Leben.