Ethnologisches Museum

Moderne Malerei der Ureinwohner Nordamerikas

"Als ich zum ersten Mal nach Santa Fé kam, schwor ich mir, dass ich keine Indianer malen würde. Dann sah ich zahlreiche übertrieben romantisierte Gemälde dieses ,edlen Wilden' mit in den Sonnenuntergang gerichtetem Blick und beschloss, dass jemand den Indianer in einem anderen Zusammenhang darstellen sollte." So beschrieb Fritz Scholder, ein Star unter den Künstlern mit indigenen Wurzeln, wie er doch dazu kam, Indianer zu malen.

Er wollte sie in der ganzen Widersprüchlichkeit zeigen, die das 20. Jahrhundert in ihnen hinterlassen hat: naturverbundene Menschen, denen eine fremde Kultur oktroyiert wurde und die trotzig an ihrer Identität festhalten, "die monströse Metamorphose, die den Indianer bisweilen zu seinem schlimmsten Feind macht", einen Indianer mit einer Bierdose in der Hand.

Entstanden sind Gemälde, die oftmals das "Hässliche" zeigen. Damit treten sie bilderstürmerisch gegen das Klischee des Edlen Wilden an und wirken auf diese Weise ungemein befreiend.

Größte Sammlung in Europa

Einen Überblick über die Tradition zeitgenössischer indianischer Kunst von Aquarellen aus den 1930er Jahren über Exponate aus der Woodlands School in Ostkanada bis hin zu jüngsten Erwerbungen aus dem Jahr 2008 zeigt derzeit das Ethnologische Museum in Dahlem anhand eigener Bestände, darunter Werke namhafter Künstler wie David Bradley, Harry Fonseca, R. C. Gorman, Jerry Ingram, Michael Kabotie, George Longfish, Norval Morrisseau, Kevin Red Star und Fritz Scholder. Aquarelle, Malerei, Grafiken, Skulpturen und eine Videoinstallation. Insgesamt 160 Arbeiten der wahrscheinlich größten Sammlung von Werken der amerikanischen Ureinwohner in Europa dokumentieren das künstlerische Schaffen der "First Nations" im Schatten des weißen Mainstreams. Stile aller Art mischen sich hier, von der naiven explosiv aufgeladenen Malerei eines George Bradley, über kubistische und surrealistische Elemente einiger Künstler bis hin zur Pop Art bei Norval Morrisseau und Harry Fonseca sowie die Combine-ähnlicher abstrakter Collagenkunst bei Jaune Quick-To-See Smith.

Mitunter schiebt sich Kitsch vor allem in die Darstellungen regionaler Künstlergruppen, die sich vor allem der Dokumentation indianischer Traditionen verpflichtet sehen. Ganz exzellent ist aber der grafische Teil der Sammlung, in der indianische Mythen und Bildtraditionen abstrakt-schematisch verarbeitet werden. Einen Höhepunkt bildet die expressionistisch wirkende Malerei von Lawrence Paul Yuxweluptun, der indianische Symbolik in seine schrillen zeitgenössischen Landschafts- und Gesellschaftsdarstellungen einbaut.

Schon Mitte der siebziger Jahre kaufte der damalige Sammlungsleiter des Ethnologischen Museums Horst Hartmann auf seinen Reisen durch den Südwesten der USA erstmals Werke indianischer Künstler. Sein Nachfolger Peter Bolz, der ein Buch über die indianische Kunst geschrieben hatte, erweiterte die Sammlung konsequent. Der Spagat, Kunstwerke zeigen zu wollen, aber gleichzeitig Kulturen zu dokumentieren, ist der Schau nicht wirklich gelungen, fehlt doch vor allem den Begleittexten die Einbettung der Arbeiten in einen kunsthistorischen Kontext. Dennoch bleibt es ihr Verdienst, der indianischen Kunst überhaupt eine Plattform zu bieten. So schummelt sich hoffentlich die indianische Kunst über die Hintertür der ethnologischen Nische in den Blick des Kunstgeschehens.

Ethnologisches Museum , Lansstraße 8, Dahlem. Bis 28.10. Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr