Jazzkantine

Im Frühtau zu Berge bei Griebenschmalz

Die Wanderung beginnt in der Bornholmer Straße, an der Stelle, wo die Mauer sich vor 23 Jahren auftat. Heute werden dort für einen Abend Gehstöcke verteilt und Brotzeitbündel. Es geht in die Kleingartenanlage Bornholm II, in ein Vereinsheim zu geselligem Gesang. Aber die Gäste blättern nur im Liederheft und lächeln.

Über Lieder wie "Kein schöner Land", über sich selbst und darüber, wo sie gelandet sind: In einer Tanzbaracke zwischen schiefen Lauben, holzgetäfelt. An gedeckten Tischen bei Likören, Griebenschmalz und Bockwurst. In Prenzlauer Berg, daheim, aber weit weg vom Hier und Jetzt.

Die Heimatlieder werden gesungen von der Gruppe Jazzkantine. Zünftig steigen die sechs Musikanten auf die Bühne und stimmen "Hoch auf dem gelben Wagen" an, das hat zuletzt Walter Scheel geschmettert. Die Band spielt zwischen Fuchs und Dachs, beide ausgestopft, den Fuchs nennen sie Ferdinand, der Dachs heißt Dieter. Die Elektroorgel schmückt ein Ölgemälde. Gipfel, Wipfel, See und Hütte. "Sind für Sie Zuhause und Heimat das Gleiche?", fragt der Vorsänger. Manche nicken, mit vollem Mund.

Die Band aus Braunschweig wurde in den Neunzigern aktiv. Der HipHop wurde bürgerlicher und schon in London und New York mit Jazz vermählt. Die Jazzkantine übernahm den Auftrag für die Deutschen. Später banden sie bekannte Musiker ein wie Xavier Naidoo und Till Brönner. Und nun machen sie sich um das "Volxliedgut" verdient, so heißt ein eigener Beitrag, mehr Gedicht als Deutschrap: "Volk und Heimat. Heikel, heikel." Sie haben ein Album aufgenommen: "Jazzkantine spielt Volkslieder". Darauf sieht man sie beim Bier unterm Hirschgeweih. Sie tragen Filzhüte und ein Grinsen im Gesicht: Damit hättet ihr nicht gerechnet!

Sagen wir es so: Von deutscher Volksmusik ist wieder häufiger die Rede. Verlage für einschlägige Liederbücher freuen sich angeblich über blühende Bilanzen. Der CD-Handel spricht ebenfalls von steigenden Umsätzen. Es gibt allerlei Erklärungen dafür: die alternde Gesellschaft, die Globalisierung. Aber auch das neue Bürgertum mit seinen Sehnsüchten nach Traditionen und anständiger Hausmusik. Im Grunde alles, womit zunehmend Prenzlauer Berg verbunden wird, zumindest in den Bionade-Biedermeier-Reportagen. Auch der neue Hang zum Schrebergarten bleibt darin nie unerwähnt. Die Jazzkantine spielt "Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann" im KGV Bornholm II, mit Schiebermützen, und ein kleines Mädchen läuft sogar im Dirndl um die Tische.

Wer von Volksmusik spricht, darf von den Kulturbrüchen nicht schweigen. Immer geht es um den Missbrauch durch die Nazis und die Unterhaltungsindustrie danach. Um sich vom Musikantenstadl abzugrenzen, kam das Schimpfwort "volkstümlich" ins Spiel. Es geht um falsche und um wahre Volksmusik, seit der deutschen Einheit wird gern beklagt, dass man die Volkslieder vergessen hat. "Im Frühtau zu Berge" rappt die Jazzkantine, ihr Rapper tanzt am Wanderstock. Die Zuhörer bewegen unsicher die Lippen. Fallera. Gegen die Überreste des kulturkritischen Unbehagens hilft die gute, alte Ironie. Sie findet sich im Schmalztopf wie im Stimmungsjazz der Band. Auch Jazz und HipHop wurden auf ihre Art volkstümlich, also bitte: Von "Ursachenforschung in das Innerste der deutschen Seele", redet Cappuccino, der Rapper, und vom Gassenhauer als Wurzel deutscher Popmusik. Er redet überhaupt viel an diesem Abend, um sich und die Gäste zu beruhigen, das Volkslieder nicht spießig sind, sondern auch was für aufgeklärte und moderne Großstadter. Wie das Kleingärtnern und Wandern.