Felicitas Hoppe

Pippi Langstrumpf aus Westfalen

Felicitas Hoppe muss man sich als ein herrliches Mädchen vorstellen. Mit ihrem unvermeidlichen karierten Rucksack, der ihr Markenzeichen ist und ihre Rüstung, auf dem Rücken, in dem Lippenstift und Taktstock und Eishockeyschläger und der von ihr erfundene selbstleuchtende Superpuck Platz haben. Ein bisschen dicke Beine. Nicht eben schön vielleicht, aus den Haaren will keine Frisur werden.

Aber wie sie da in Brantford/Ontario übers Eis flitzte, der Stadt des Telefonerfinders und Gebärdensprachentwicklers Alexander Graham Bell. An der Seite und in der Familie von Walter und Phyllis und Wayne Gretzky, der wahrscheinlich berühmtesten Eishockey-Familie der Welt. Von der hat sich Felicitas adoptieren lassen, wie später noch von vielen.

Denn Felicitas, das viel- und vor allem sprachbegabte, das Winter-, Wahn- und Wunderkind, diese frostige, westfälische Ausgabe von Pippi Langstrumpf, ist nicht freiwillig in Brantford / Ontario. Sie hat eine Lücke zu füllen, so groß wie eine Kindheit. Sie ist entführt worden von Karl, einem geheimnisvollen Patentagenten, einem Rattenfänger, mit dem sie vorzugsweise über Zettel kommuniziert. Der wollte nicht mehr so einsam sein, als seine Frau, eine Pianistin, ihm nach Russland abhanden gekommen war. Da hat er Felicitas mitgenommen, aufs Schiff, nach Kanada.

So war das. Und was Wikipedia erzählt, ist alles Quatsch. Da steht nämlich, dass Felicitas Hoppe (*22. Dezember 1960 in Hameln) eine deutsche Schriftstellerin sei (was wir bestätigen können), in Hameln nicht nur geboren, sondern auch aufgewachsen, in mehr als einem halben Dutzend Städten umfangreich studiert hat nach dem Abitur. Von einer Weltreise auf einem Containerschiff steht da was. Von den Preisen, von der globalen Lesearbeit. Nichts aber von Brantford/Ontario oder von Adelaide/South Australia, wohin der Patentagent sie 1974 aus unheimlichen Gründen dann weiter entführte, nichts von Las Vegas/Nevada, der "schönsten und prächtigsten Stadt der Welt", der Hauptstadt des Uneigentlichen in der Wüste, die das Leben sein kann, wenn man glaubt, die Welt, die sei nichts andres als die Wirklichkeit. Nichts von der Kompositionsschülerin Hoppe, die nicht Dirigentin werden durfte aufgrund ihres Rucksacks (Argument Hoppe für das karierte Ding: sie bräuchte es zur Erdung, weil sie sonst von der Musik weggetragen würden) weiß Wikipedia, nichts von der Sonntagserfinderin, die legendäre Hockeyhandschuhe ersann und Gedichte wie "Der Zauberberg" schrieb, kaum konnte sie laufen, deren Briefe an ihre wahrscheinlich erfundenen vier Geschwister und den Vater (den Erbauer des ersten Kaspertheaters) und die Mutter (die Gastgeberkönigin) nach Hameln ins Weserbergland im Marbacher Literaturarchiv liegen.

Von alledem weiß Wikipedia nichts, weil Wikipedia sozusagen der Gipfelpunkt realistischer Literatur ist, an so etwas Langweiligem wie Wirklichkeit klebt wie eine Klette am Hund und die bahnbrechende Biografie dieser fantastischsten, in jede Form von Sprach- und andere Wunder verliebtesten deutschsprachigen Schriftstellerin noch nicht kennt, die jetzt gerade in Hoppes Stammverlag S. Fischer erscheint. "Hoppe" heißt sie, firmiert als Roman und wurde verfasst von Felicitas Hoppe.

Wunderkind auf Weltreise

Jetzt müssen wir mal einen kleinen Hoppesprung zurück machen. Und von einem Raum erzählen, der gleich zweimal geöffnet wird von Hoppe in "Hoppe" und in dem sich dieser Meilenstein der Biografik permanent abspielt. Zwei Schritte hinter der wirklichen Welt, behauptet Hoppe in "Hoppe", tut sich nämlich "ein unermesslicher Raum auf (schrecklich und schön)", der Raum der Literatur, der alle Realität, alles Leben, alles Ich aufnimmt, ihm alle Fenster nach allen Richtungen öffnet und in eine wunderbare, aller Schwerkraft enthobene literarische Eulenspiegelfechterei verwandelt.

Hoppe hat tatsächlich alles gelesen (kein Wunder, wahrscheinlich hat sie alles ja auch geschrieben). Alle Essays, alle Erzählungen. Hat "Pigafetta" gelesen, den fabelhaften Weltumrundereisebericht, hat die biografischen Erzählungen in "Versager und Verbrecher" gelesen, das "Picknick der Friseure", Hoppes Debüt, mit dem sie schlagartig bekannt wurde, die Ritterbücher, "Johanna", Hoppes Jeanne d'Arc-Fabulation. Hat die Kritiken an Hoppe gelesen, die Verrisse. Und all das Wissen, das sie hat, nimmt sie mit in den literarischen Raum, aus dem Wissen wird Mulch, wird der Humus, aus dem ein schönes, lustiges, verzweifeltes, bitteres, liebreizendes, giftiges Gegenleben wächst, das mit mehreren Nabelschnüren an Hoppes vermeintlich echter Biografie, echtem Werk, an der wirklichen Wirklichkeit hängt.

Ziemlich gut erfundene und ziemlich abenteuerliche wahre Figuren gehen in den Engtanz - der echte kanadische Pianist Glenn Gould und der erfundene australische Komponist Mel Drugs, die echte Queen Adelheid Louise Theresa von Sachsen-Meiningen und der tatsächliche Australienerforscher Ludwig Leidhardt mit dem erfundenen Landeskundelehrer Carl Dark, sämtliche literarische Leitfiguren Hoppes ziehen durch Hoppes Traumbiografie, Nabokovs Schmetterlingsnetz schwirrt herum (mit ihm hat der Patentagent die kleine Hamelner Laiendarstellerin angeblich einst gekäschert) und eine Parodie auf Gilbert K. Chesterton, ein conradesker, polnisch sprechender Matrose taucht auf, die Kinder des Kapitän Grant, ein fröhlicher Weinberg, Kafka, Pinocchio und Pippi Langstrumpf (darüber, dass Pippis Schiff, immerhin Hoppetosse heißend, in diesem doch auch sehr maritimen Buch so gar keine Erwähnung findet, sind wir allerdings sehr froh, es wäre zu einfach gewesen). Hoppe zieht Kreuz- und Querschnitte durch Hoppes Werk, analysiert die Vorliebe Hoppes für Märchen, Ritter, Hochzeiten und Krönungen, zitiert sich munter durch Werk und Rezeptionsgeschichte (irgendwann gibt man auf, in den Büchern danach zu suchen, ob die Zitate tatsächlich Zitate oder frische Erfindungen sind), geht Motivlinien (Nasen und Ohren im Werk der Hoppe zum Beispiel oder die Tiere im Gesamtwerk), zeigt, warum Hoppes Werk "ein ständiges Misstrauensvotum an jede Form von Kommunikation ist" und warum, führt Hoppe gegen Hoppe ins Feld, schämt sich nicht, Sympathien gegenüber Kritikern zu offenbaren, macht aber dennoch ziemlich deutlich, woher Hoppes Werk so einen Hang zu "Tröstungsliturgie und Selbstrettungsprosa" hat.

Das Buch macht den Kopf frei

Warum sie schreibt, warum sie nicht anders als so schreiben kann, warum Realismus das letzte ist, was man von ihr erwarten sollte, weil ihre Neigung ihr im Weg steht: "Meine schreckliche Neigung", zitiert Hoppe Hoppe, "die Dinge falsch nachzuerzählen, weil ich immer alles einkleiden, wärmen und verbessern will. Ich bin und bleibe ein Winterkind, ich bin mit dem Leben nicht einverstanden."

Es macht den Kopf frei, dieses Buch, es macht leicht, es wiegt vier hardcore-realistische Romane auf. Der Irrwisch von einem Buch, den man dringend braucht in diesem Frühjahr. Und was heißt Irrwisch auf Schwedisch? Wussten wir auch nicht. Wusste aber Wikipedia: "Hoppetossa". Und das haben wir nicht eben erst erfunden. Das ist die wirkliche Wahrheit. Ehrlich.

Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer, Frankfurt/M. 336 S., 19,50 Euro.