Interview mit Christian Thielemann

"Ich war immer ziemlich frech"

Christian Thielemann dirigiert dieser Tage gleich sechs Konzerte die Berliner Philharmoniker. Heute Abend kann ihm dabei sogar sein künftiges Orchester, die Sächsische Staatskapelle, zusehen. Denn das Konzert wird von Berlin aus live in 80 Kinos bundesweit übertragen, auch nach Dresden. Oder nach München, wo er bis zur letzten Spielzeit die Philharmoniker leitete.

Bei der Probe trägt der Dirigent Jeans. Die Haare wie stets streng seitlich gescheitelt, doch Körperhaltung und Gesichtsausdruck wirken gelassen. Und das liegt nicht nur daran, dass Christian Thielemann, der wohl führende deutsche Dirigent der Gegenwart, die beiden Programmpunkte schon oft dirigiert hat. Julia Kaiser sprach mit ihm.

Berliner Morgenpost: Herr Thielemann, wann waren Sie zuletzt im Kino?

Christian Thielemann: Lange her. Zwei, drei Jahre bestimmt. Ich kann noch nicht mal sagen, was ich gesehen habe. Schändlich! Ich würde das gerne öfter machen. Mir sagen oft Freundinnen und Freunde: "Du, heute Abend gehen wir ins Kino..." - Ich bin so müde nach einer Probe, dass ich das nicht auch noch schaffe.

Berliner Morgenpost: Heute Abend werden Sie selbst in Kinos übertragen. Wie fühlt es sich an, vor Kameras zu dirigieren?

Christian Thielemann: Komischerweise nicht anders als ein normales Konzert. Ich bin Kameras jetzt seit einigen Jahren gewöhnt, von DVD-Projekten oder Fernsehübertragungen. Das ist nur am Anfang etwas ungewohnt. Man muss versuchen, die Kamera nicht zu sehen.

Berliner Morgenpost: Und dabei immer schick aussehen?

Christian Thielemann: Nein, das war mir nie wichtig. Ich will aus mir keinen Affen machen, man muss nur natürlich rüberkommen. Ich finde das mit der Kino-Übertragung gut, weil die Leute da ungezwungener hingehen können als in den Konzertsaal. Das Publikum entscheidet doch über uns! Die Leute können von mir aus sogar Weingummi essen dabei, wenn nicht gerade der Nachbar sehr konzentriert zuhören will, aber sie sollen kommen. Und vielleicht kaufen sie dann hinterher eine Karte für die Philharmonie oder laden sich im Internet eine Aufnahme runter - das finde ich schön!

Berliner Morgenpost: Sie beginnen das Konzert mit Strauss' Oboenkonzert, mit Kammerorchester und Albrecht Mayer als Solisten...

Christian Thielemann: Das "Es ist doch nichts gewesen"-Konzert, ja.

Berliner Morgenpost: Strauss hat es im Herbst 1945 geschrieben, er war in die Schweiz emigriert und lebte "im Schlaraffenland", wie er es ausdrückte. Das Konzert ist heiter und verspielt.

Christian Thielemann: Das ist doch unglaublich, nicht? Ich hätte ihn gern gefragt, welche Gedanken er beim Komponieren hatte. Ich glaube, er hat sich in eine leichte Welt zurückgeträumt. Er hatte ja bereits sehr Bezug auf die Kriegszeit genommen, etwa in den "Metamorphosen". Und daneben hat er das Naturell besessen zu sagen: "Ich kann es kaum glauben." So wie wir selbst es heute vielleicht auch gerne ausdrücken würden, wenn wir nicht wüssten, was über den Zweiten Weltkrieg dokumentarisch belegt ist. Dass Strauss in diesem Stück für eine halbe Stunde versuchte, seine Situation zu vergessen, finde ich zutiefst sympathisch und menschlich. Vielleicht hat er auch Dankbarkeit ausgedrückt, indem er sagte: "Mir ist es in dem ganzen Gewühle noch gut gegangen."

Berliner Morgenpost: In der Probe haben Sie zu den Musikern gesagt: "Nicht so hell." Wegen Ihres dunklen Klangideals oder auch vor dem Hintergrund des Stückes?

Christian Thielemann: Allzu aufgehellte Klänge habe ich nie schön gefunden. Das Problem mit dem Abdunkeln des Klanges ist, dass es trotzdem durchsichtig bleiben muss, leicht, entspannt und locker.

Berliner Morgenpost: Sind Konzerte mit den Berliner Philharmonikern für Sie noch etwas Besonderes?

Christian Thielemann: Ich habe mit dem Orchester eine wunderbare Beziehung, wir kennen uns schon lange und ich komme von hier. Klar ist es dadurch etwas Besonderes.

Berliner Morgenpost: Bezeichnen Sie sich weiterhin als Berliner Dirigenten?

Christian Thielemann: Ich bin momentan sächsischer Hofkapellmeister, wenn Sie so wollen. Meine Familie stammt auch aus Sachsen. Aber wie Sie wissen, sind ja die Konvertiten und die Eingewanderten manchmal die größeren Preußen, (lacht) ich habe das Sächsische im Blut, ich habe das Berlinerische im Blut und das Pommersche. Also, ich fühle mich so als mitteldeutsche Melange. Ich wohne hier, in Berlin und in Potsdam, aber wenn ich in Sachsen bin, dann spüre ich schon, dass ich damit was zu tun habe.

Berliner Morgenpost: Ich Salzburg werden Sie für 2013 mit der Staatskapelle als die sächsischen Osterhasen angekündigt. Sie übernehmen die Leitung der Salzburger Osterfestspiele, die Berliner Philharmoniker gehen zur gleichen Zeit nach Baden-Baden. Wird das nicht eine Konkurrenzsituation?

Christian Thielemann: Bei dem Niveau, auf dem wir uns befinden - ich habe nie Konkurrenz mit irgendwem empfunden. Vielleicht empfindet das jemand, dessen Kalender nicht voll ist. Natürlich, sie befinden sich in einem netten, sagen wir mal künstlerischen Wettstreit. Aber viele der Musiker helfen mal da aus und mal hier, man begegnet sich dauernd wieder. Ich dirigiere hier und habe den Kollegen Rattle nach Dresden eingeladen, es wäre völlig idiotisch zu sagen, es spielten Dresdener gegen Berliner.

Berliner Morgenpost: Was möchten Sie in den kommenden Jahren noch erreichen?

Christian Thielemann: Ich möchte noch gelassener werden. Das ist mir zuletzt schon ganz gut gelungen. Nach dem "Ring"-Erlebnis in Bayreuth, den neun Beethoven-Symphonien mit den Wiener Philharmonikern und den letzten Konzerten hier in Berlin, habe ich gedacht: Es kommt einfach auf die Gelassenheit an, die man auf andere überträgt - ohne latschig zu sein. Und ohne dass die anderen denken: "Och, ist der arrogant, ihm ist hier alles gar nicht wichtig." Ich muss meine eigenen Kräfte besser sparen können. Das lernt man bei Wagner-Opern oder bei Bruckner.

Berliner Morgenpost: Stichwort Wagner: Die Bayreuther Festspiele befinden sich gerade in einer Krise. Wie sehen Sie das?

Christian Thielemann: Ich gebe mein Bestes in Bayreuth, die Festspiele sind für mich ein Herzensanliegen. Aber auch da sind laute Töne nicht gefragt. Der Fehler, den manche unerfahrenen Menschen begehen, ist: Man reagiert sofort! Die Einstellung "Da muss man doch was unternehmen!" ist an sich völlig richtig. Doch manchmal ist es besser, einen Moment zu warten. Erst dann etwas zu tun, auch mit nicht mehr so viel Wut im Bauch. Im Übrigen finde ich, man darf auch mal daneben greifen. Und man soll nicht immer so streng sein.

Berliner Morgenpost: Wo ist Ihre berühmte Forschheit geblieben?

Christian Thielemann: Die von mir so geliebte Berliner Schnauze kommt im Rest der Republik nicht immer so gut an. Ich war immer ziemlich frech und habe gedacht, ich komme damit durch. Bin ich auch, aber ich hätte es mir leichter machen können.