Gangsta-Rap

Verschmäht und trotzdem erfolgreich

Es gab eine Zeit, da war der gebürtige Offenbacher Aykut Anhan ein wenig vom Weg abgekommen. Ihm wurde ein unschönes Betrugsdelikt zur Last gelegt, die Polizei fahndete nach ihm und er setzte sich, um einer drohenden Festnahme zu entgehen, nach Holland ab.

Dann ging er für ein Jahr nach Istanbul ins Exil. Dort wartete er, dass sein Anwalt die Angelegenheit zu seiner Zufriedenheit regelte. Später entdeckte er seine wahre Bestimmung als Gangsta-Rapper. Als solcher gab er sich den seltsamen Namen Haftbefehl - aber welchen anderen Namen hätte sich ein Rapper mit seiner Geschichte sonst auch geben sollen?

Heute ist Haftbefehl 26 Jahre alt, führt seine eigene Plattenfirma und hat gerade sein großartiges Album "Kanackis" veröffentlicht. Bereits auf seinem überraschend erfolgreichen Debüt "Azzlack Stereotyp" von 2010 rappte er "gestern Gallus, heute Charts", inzwischen ist er als Geschäftsmann und Popstar in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Fast könnte man sagen, Haftbefehl sei das Paradebeispiel einer gelungenen Integration - wenn er nicht unentwegt von Drogenhandel, Körperverletzung und Gangbangs rappen würde, aber das gehört zum Berufsbild eines Gangsta-Rappers eben notwendigerweise dazu.

Eigentlich steht es derzeit nicht gut um den Deutschrap. Casper trägt seine Klagereime mit krächzender Stimme und Gitarrenrock vor, Cro trägt einen Pandabärenkopf auf seinen Schultern und produziert Hip-Hop für Leute, die keinen Hip-Hop hören, während Bushido in seiner Berliner Villa inzwischen ganz auf das Glücksversprechen des Kleinfamiliendaseins setzt. Wenn im deutschen Hip-Hop überhaupt etwas Interessantes passiert, dann im oft verschmähten Genre des Gangsta-Rap, der angeblich so wenig mit dem deutschen Alltag zu tun hat. Und mag dies in Bezug auf Städte wie München, Hamburg und Stuttgart auch zutreffen, so scheint zumindest die Bankenstadt Frankfurt den angemessen kriminellen Rahmen zu bieten, um sich halbwegs glaubwürdig als straffähiger Rapper zu inszenieren - wo das große Geld gemacht wird, hält sich auch das organisierte Verbrechen gern auf.

Um Haftbefehl hat sich inzwischen eine ganze Blase von Gangsta-Rappern gebildet, die sich selbst als Azzlacks bezeichnen, wobei Azzlack charmanterweise für "asozialer Kanacke" steht. Dazu zählen unter anderem hoffnungsfrohe Künstler wie Celo & Abdi, Capo Azzlack und Psyko Veysel, doch keinem dieser Rapper ist es bislang gelungen, Musik und Wort derart geschmeidig miteinander in Einklang zu bringen wie Haftbefehl.

Haftbefehl "Kanackis" ist bei Azzlack/Groove Attack erschienen