Schaubühne

Russische Töne auf der Bühne und im Parkett

Soviel Pelz und Fell gibt's selten in der Schaubühne: Zur Eröffnung des diesjährigen Festivals Internationale Neue Dramatik F.I.N.D. hat Hausherr Thomas Ostermeier seine Inszenierung von August Strindbergs "Fräulein Julie" vom Moskauer Theater der Nationen eingeladen.

Und weil auf dem Besetzungszettel drei russische Film- und Bühnenstars stehen, gibt es im Foyer statt des üblichen Berliner Eleganz-Understatements was zu gucken: Leder, Pelz und Fell in allen Variationen, goldene Ketten und glitzernder Schmuck, hohe Stiefel auf noch höheren Absätzen zu kurzen Röcken und dick geschichtetem dunklen Make-up. Ein wenig fühlt man sich wie auf einem russischen Familientreffen: Vor dem Theater am Lehniner Platz, drinnen an der Bar, in den Toiletten herrscht eine aufgekratzte Stimmung und ein entsprechend hoher Lärmpegel, während sich an der langen Kassenschlange etliche die Füße um Resttickets wundstehen; vor der Tür halten Menschen unverdrossen Pappschildchen hoch: "Kaufen 2 Karten".

Russisch also, wohin das Ohr hört, im Parkett, dass nach vorne hin um vier Reihen erweitert wurde, wie auf der Bühne. Den Übertiteln auf Deutsch und Englisch lässt sich gut folgen, aber das Beste sind sowieso die Schauspieler: Tschulpan Chamatowa, Jewgenij Mironow und Julia Peresild sieht man jede Gefühlsregung an kleinsten Veränderungen in Mimik, Gestik und Stimmfärbung an. Da muss man nicht jedes Wort mitbekommen, um zu begreifen, was zwischen den Dreien abgeht.

Die Schauspieler waren auch schon im letzten Jahr dabei, als das Theater der Nationen mit "Schuschkins Erzählungen" in der Regie von Alvis Hermanis beim F.I.N.D. gastierte. Damals flogen zwischen Bühne und Zuschauern wahre Funken, da war schon während der Aufführung die Hölle los mit Szenenapplaus, rasendem Gelächter, sogar Zwischenrufen. Da herrschte eine gespannte Begeisterung im Saal für jede Pointe, jede Nuance, die die Schauspieler sichtlich befeuerte: Sie schienen zu schweben.

Dafür eignet sich Strindbergs düstere Symbolismus-Tragödie nicht gerade, dennoch herrscht aufmerksame Spannung. Zu recht: Auf Jan Pappelbaums eiskalter Seziertischbühne mit Designer-Edelstahlküche richtet Ostermeier ein Schlachtfest der Gefühle an. Jede emotionale Regung, jeder Umschwung ist psychologisch motiviert, und endlich begreift man, warum die verwöhnte Göre Julie, der Diener Jean und die Köchin Kristin sich so fatalistisch umkreisen. In Katie Mitchells technikverliebter "Julie"-Inszenierung an der Schaubühne geht diese Frage ja völlig unter.

Julies Vater ist Generaldirektor

Der russische Dramatiker Michail Durnenkow hat die Dreiecksgeschichte in seiner Neudichtung konsequent ins Heute übertragen: Julies Vater ist ein Ex-General, nun Generaldirektor und passt damit ebenso ins heutige Russland Vladimir Putins wie die verzweifelte Wucht, mit der Jeans Gäste zum Silvestertechno die Küche verwüsten, während Jean im Off Julie entjungfert.

"Fräulein Julie" erinnert an die besten Arbeiten Ostermeiers, an "Hedda Gabler" und "Nora". Dennoch ist der Applaus bei weitem nicht so frenetisch wie im letzten Jahr; immerhin gibt es vereinzelt Bravos und stehenden Applaus. Etliche Frauen drängen zur Bühne, übergeben ihren Stars Blumen in Cellophan und kleine Geschenke. Zum anschließenden kleinen Empfang sind dann nur noch ausgewählte Gäste geladen; vor der Schaubühne stehen die meisten Besucher noch lange in dicken Trauben, bis sie sich in der Charlottenburger Nacht zerstreuen.