Kunstsache

Als hätten Außerirdische den Stift geführt

Wenn mitten an der Nacht das Telefon klingelt und Günther Jauch am anderen Ende wäre, um mich für eine Million zu fragen, wer das beste Bild eines betrunkenen Schotten gemalt hat, dann müsste ich nicht lange überlegen: Amy Bessone.

In ihrem Bild "Papapau" ist wirklich alles drin. Am unteren Rand kreuzen sich rote und grüne Linien zu einem Tartanmuster. Darüber hängt ein violetter Vollbart nur noch halb im aufgedunsenen Gesicht. Auf der Stirn schließlich kleben die letzten Fetzen einer dieser typischen Kappen der Hochlandbewohner. Der nächste Betrachter in Bessones mag in alledem etwas anderes erkennen, ich aber betrachte das Bild und denke: "Betrunkener Schotte." Die Künstlerin kann mir das nicht verbieten. Denn wer am Freitag auf ihrer Vernissage bei Veneklasen/Werner ein paar Worte mit ihr wechselte, der erfuhr, dass sie selbst meist ohne feste Vorstellungen vor die Leinwand tritt. Häufig beginnt sie mit abstrakten Formen, vom Pinsel abgestreiften Farbresten des Vortags, aus denen sie dann allmählich Augen, Finger, Füße, Figuren herauslockt. Ich war beeindruckt von dieser freien, frischen Malerei der jungen Amerikanerin, die nie ihre geistige Verwandschaft zur Generation deutscher Künstler verleugnet, mit der Galerist Michael Werner groß wurde: Manche der Bilder sehen aus wie Baselitz nach einem Joint. (Bis 21. April, Rudi-Dutschke-Str. 25, Kreuzberg)

Nach Bessones Ausstellung besuchte ich noch gleich die Galerie Crone im Nachbarhaus - und stand vor der nächsten großartigen Arbeit. Ich muss dazu sagen, dass ich ein Faible für Künstler habe, die etwas Unerwartetes mit dem Raum machen. Denn da lockt immer der aufregende Duft des Regelbruchs. Monika Grzymala hat den Ausstellungsraum mit ihrem Werk verbarrikadiert - aber nicht vollständig, sondern zu nur zu einem Viertel. Das irritiert schon mal, weil es bei dem Hindernis nun nicht mehr um den Betrachter geht, der ausgesperrt werden soll. Stattdessen geht es um das Hindernis selbst. Es wird zum Ausstellungsobjekt. Für ihre Skulptur, die Grzymala ersponnen hat, benutzte sie auch kein naheliegendes Material wie Schnur, sondern Klebeband: Tausende pechschwarzer Klebestreifen sind wild miteinander sowie zwischen einer Säule und zwei Wänden verbunden. Es ist einfach großartig, wie sich die Skulptur nur durch die eigene Klebekraft in der Luft hält. Als "Raumzeichnung" bezeichnet die Künstlerin ihr Werk. Man hatte das Gefühl, als hätten Außerirdische ihr den Stift geliehen. (Noch bis 17. März, Rudi-Dutschke-Str. 26, Kreuzberg)

Ein anderer großer Meister der Raumbeherrschung ist der Amerikaner Robert Morris. Wer einen umfassenden Eindruck vom Schaffen des 1931 geborenen Künstlers bekommen möchte, hat jetzt bei Sprüth/Magers die Gelegenheit. Morris war Minimalist - dann aber wieder auch nicht: Statt seine Kunst autonom im Raum stehen zu lassen, hat er den kreativen Prozess zum Thema gemacht. Ja, nicht selten umgibt seine Werke eine Aura des Theatralischen. Es beginnt mit einem "Scatter Piece" von 1968, bei dem verschiedene Elemente aus Filz, Kupfer, Blei, Stahl oder Aluminium auf dem Boden liegen. Im Hauptraum besetzen dann minimalistische graue Holzquader eine Ecke an der Decke ("Corner Beam", 1964) oder einen Teil des Fußbodens ("Floor Beam", 1964). Den zentralen Platz im Raum nehmen drei große L-förmige Käfige aus Metalldraht ein, die wie Körper verschiedene Zustandsstadien vorführen: Liegen, Stehen, Rumpfbeuge. Ich glaube, es ist das humane Element in Morris' Kunst, die Verbindung zum Menschen, die mir in der Ausstellung ein angenehmes Gefühl des Aufgehobenseins bescherte. (Bis 5. April, Oranienburger Straße 18, Mitte)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien