The Glasshouse

Aus einem Fiepen im Ohr wird ein kunstvoller Filmabend

In jedem guten Western gibt es diesen Schaukelstuhl, der knarzend auf der Veranda wippt. Entweder die Tragödie ist schon passiert, oder sie kündigt sich mit bedrohlichen Gitarrenklängen von weiter Ferne an. Im hbc gegenüber vom Roten Rathaus ist es noch ruhig.

Donnerstag ist Austerntag. Noch drei Sylter und einen Weißwein, dann beginnt das Abendprogramm. Angemessenen Schrittes betritt das Publikum den Saal. Ein Stummfilm soll gezeigt werden. Die kommen ja ganz gut an in letzter Zeit. Fünf Oscars gab's gerade für "The Artist" und der war auch noch schwarzweiß.

"The Glasshouse", ein 45-Minuter (stumm, aber farbig) der Amerikanerin Danielle de Picciotto versucht den genaueren Hergang ihres letzten Abends in New York zu schildern. In einem schneebedeckten Park beginnt die Spurensuche. Der Schatten einer Schaukel ist zu sehen, eine Spieluhr klagt ihr Leid. Am nächsten Morgen brach sie, das war 1987, gen West-Berlin auf. Ihr Kopf war von einem Fiepen verwirrt, als sie das Flugzeug bestieg. Ihr Ehemann Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten und der britische Musiker Paul Browse füllen den Film mit Geräuschen und vereinzelten Melodien. De Picciotto gibt die Erzählerin.

Es geht gediegen her bei dem Abschiedsdinner im Film. Die Gesellschaft sitzt an einem breiten Eichentisch. Champagner, Avocado-Mousse, Trüffel, junger Spargel, das Gereichte macht ordentlich was her. Wortfragmente, bildhübsche Frauen tanzen in aufwändigen Corsagen. Die Erzählerin driftet ab, Hacke spielt träumerische Melodien links neben der Leinwand, Glatzkopf Browse blickt rechts stoisch in seinen Laptop. Der Gastgeber der kulinarischen Soiree rennt wie von Sinnen mit einem Fleischerbeil umher.

Das alles kann man nicht genau erkennen. Es schwirren nur Fratzen über die Leinwand. Und immer wieder das unheimliche Haus. Hacke spielt Krieg auf der Gitarre. Getose, Stakkato-Dauerfeuer. Dabei sieht er so gut aus in seinem Anzug mit blutroter Krawatte. Die Gesellschaft sperrt den Irren aus. Er entflieht in die Nacht. De Picciotto spielt mit schönsten Schauer- und Kriminalfilmmotiven. Agatha Christies "Dreizehn bei Tisch" streift sie beiläufig, Kubricks "Shining" ebenso. Genaueres über den Abend ist nicht bekannt. In Europa kam de Picciotto wohlbehalten an, das Fiepen ist sie bis heute nicht los geworden.