Roman

Stuttgart lieben lernen

Stuttgart ist die vielleicht am leichtesten gehasste Stadt Deutschlands. Niemand, von dem ich hörte, wollte da je hin, und wer da war, wollte schnell wieder weg. Am besten nach Berlin, wo es unter anderem deswegen zu einer hässlichen Überschwabung kam, was eigentlich gar nicht hierher gehört.

Es wäre aber ein herzlicher Fehler, die Stadt am schlapp sich hin schlängelnden Neckar einfach so von seiner inneren Landkarte zu hassen. In sie hineinzusehen, heißt ins deutsche Gegenwartsantlitz zu spiegeln. Stuttgart ist nämlich überall, Stuttgart sind wir. Das weiß man, seit man von den Wutbürgern im Württembergischen weiß, seit "Oben bleiben" und den durch alle Schichten sich ziehenden Protest gegen "Stuttgart 21". Man hätte das auch schon vorher wissen können, wenn man "Kürzere Tage" gelesen hätte, den vor drei Jahren erschienenen Debütroman der 1970 in Ruit auf den Fildern geborenen Anna Katharina Hahn.

Die war eher zähneknirschend heim gekommen an den Neckar. Hatte in Hamburg studiert, war Spezialistin im Mittelhochdeutschen geworden und Schriftstellerin, hatte in Klagenfurt gelesen und war in Berlin so heimisch wie die meisten Südstaatenexilanten. Stuttgart, das verhasste, das verschossene, die verstockte, verbaute Stadt hat sie sich erlaufen, als sie mit der Familie wieder zurück, naja, musste. Hat Geschichten im Gehen, im Straßenzügelesen, im Gesichterlesen gefunden. Irgendwann hat die Stadt angefangen, ihr zu erzählen.

Frau Hahn kann sehr gnadenlos sein

So nimmt es auch nicht wunder, dass Anna Katharina Hahn topografische Romane schreibt. Sie nimmt Straßen, Fassaden und hört ihnen zu. Sie spannt über einem Viertel Geschichten von nahezu Weltgeltung auf. Mittelstandsgeschichten. Unser aller Geschichten. In denen sich sechzig Jahre Bundesrepublik spiegeln. Geschichten, die von Aufstieg und Absturz handeln, und von Leben, in denen die Angst haust. Die man nur mit Drogen ertragen kann, mit Alkohol oder mit einer erheblichen Virtuosität im Erfinden von Lügen und Selbstinszenierungen. Gut gehen die Geschichten nie aus. Sie werden von hässlichen, hässlich normalen Menschen bewohnt. Die sehen aus wie wir. Und sie leben auch so. Es ist nicht immer eine Freude, unter seinesgleichen in Anna Katharina Hahns Geschichten zu hausen. Sie kann ziemlich gnadenlos sein und mitleidlos. Es ist aber eine ausgesprochen empathische Mitleidlosigkeit, nie wird man das Gefühl los, dass sie die Leute sehr mag, denen sie beim Scheitern folgt.

"Am schwarzen Berg" heißt ihr zweiter Roman. Er ist der Favorit für den Leipziger Buchpreis. Und er ist es nicht nur deswegen zu Recht, weil er herausragt aus einem eher schwachbrüstigen Frühjahr.

Von der Stuttgarter Mitte ist Anna Katharina Hahn nun an die Peripherie gezogen. Ans Ende einer Straße, die "Am schwarzen Berg" heißt, nicht durch Zufall wie der Beginn von Eduard Mörikes Langgedicht "Die Elemente". Nicht durch Zufall, weil Mörike sozusagen der Hausheilige dieses Romans ist, in alle Ritzen hinein wuchert, und der Schatten des Riesen, den Mörike an seinem schwarzen Berg stehen lässt, die Grundfarbe des motivisch unglaublich verdichteten Buchs vorgibt. "Am schwarzen Berg", da wohnen Emil und Veronika und Hajo und Carla. Seit Ende der Siebziger wohnen sie da. In zwei Häusern, einander zugewandt, auf den gleichen Grundrissen gebaut. Emil ist Lehrer kurz vor der Pensionierung, Veronika Bibliothekarin, Hajo Arzt, Carla schön. In ihrer aller Mitte wohnt Peter. Er ist Hajod und Carlas Sohn, manch einer - so groß ist die Nähe - hält ihn auch für das Kind von Emil und Veronika, die verzweifelt sind über ihre Kinderlosigkeit, bis sie sich mit ihr abfanden. Peter ist ihrer aller Projekt, ein schöner Knabe, sie alle haben ein Auge auf ihn, sie alle lieben ihn, verlieren ihn, er verliert sich selbst. Was man ihm nicht vorwerfen kann. Es stehen zu viele Wächter um ihn herum, zu viele Ansprüche, zu viele Lebensentwürfe. "Warum kann man nicht einfach nur da sein", fragt er einmal ziemlich genau in der Mitte seines Lebensromans.

Es ist die Geschichte eines Sommers, die Anna Katharina Hahn erzählt. Peter - Logopäde, zweifacher Vater, Anfang Vierzig - kehrt nach Hause zurück, dünn, verkommen, mit verwuchertem Gesicht und verpusteltem Rücken. Mia hat ihn verlassen. Hat seine Boheme-Existenz nicht mehr ausgehalten, das Lebensplanlose, den romantischen Versuch, einen Gegenentwurf zur Mittelstandswelt zu leben, zu der sie, das Kind der Unterschicht, doch nur dazu gehören wollte. Mia hat seine Kinder mitgenommen. Und damit sein Leben. Emil schaut vom Balkon aus der Heimkehr seines Engels zu. Von diesem Sommer, von den paar Wochen, in denen sich alle bemühen, den schwerst Ausgebrannten wieder auf die Beine zu bekommen, die Kinder zu finden, Mia zu finden, gehen die Strahlen in die Verästelungen ihrer Geschichten. Anna Katharina Hahn stellt uns immer abwechselnd in die Nähe des "Streichholzmännle" Emil und der stachelfrisurigen Veronika, zu Carla, der stets aufräumenden Exilhamburgerin mit den immer weitaufgerissenen Augen, und zu Mia, dem Arbeiterkind mit dem Aufsteigerbewusstsein. Hajo verweigert uns Anna Katharina Hahn (vermutlich weil er zu langweilig ist) und Peter auch (er ist das schwarze Loch der Geschichte, er wird, ganz klassischer Held, erzählt).

Mit ihnen blicken wir zurück. Mit ihnen gehen wir auf Exkursionsfahrten durch Peters Leben und durch die Stuttgarter Kulturgeschichte. Das Leben und das Werk des Pfarrerdichters Eduard Mörike bildet den Hallraum, den Spiegel von Anna Katharina Hahns Roman, wie noch selten derart perfekt Literatur Erzählgegenwart kommentiert hat. Mörike liefert Farben, Töne, Rhythmus. An jeder Ecke leuchtet er auf. Selbst die Penner sind erstaunlich textsicher, ziehen mit Mörikes "Denk es, o Seele" durch die Straßen. Emil hat Peter infiziert mit dieser Gegenwelt zur Gegenwart, er steht unterm Mirabellenbaum und rezitiert "Die Elemente", liest Peter Gedichte vor und eine Mörike-Biografie, die sich als gewaltiger Bluff herausstellt. Emil nimmt Peter mit auf Lebensspursuche durch Stuttgart. Mörike wird Peters Welt. Als er mit seinen Söhnen die Bäume umarmt im Schlosspark und an Sitzblockadentrainings teilnimmt, hat er sich endlich gefunden. "Das ist der pure Eichendorff", ruft er einmal in Veronikas Büro, "der auferstandene Mörike! Unter mehrhundertjährigen Riesen mitten in der Stadt einzuschlafen, im Rauschen des Laubes, gemischt mit dem Brausen des Verkehrs." Ein Träumer, ein letzter Romantiker, ein Fremder, eine dunkle Kraft ist dieser Peter.

Man wird vorsichtig beim Lesen

Er ist - wie zur Zähmung - eingehegt in ein ziemlich enganliegendes Netz aus Motiven. Nichts, das merkt man bald, steht hier zufällig am Wegrand herum, alles hat Bedeutung oder bekommt Bedeutung, wird scheinbar achtlos erwähnt und später aufgeladen, aufgenommen, erfüllt. Man wird irgendwann sehr vorsichtig beim Lesen.

Das enge Netz um Peter, genannt "der Schnuck", kann allerdings auch zur argen Belastung werden. Wenn man nämlich überhaupt etwas einzuwenden hätte gegen dieses Buch, dann, dass Anna Katharina Hahn der Kraft ihrer Symbole und Anspielungen manchmal nicht ganz zu vertrauen scheint und es in ihrer Verweismanie manchmal doch ein wenig übertreibt. Und dann hängt sie ein paar Bilder an die Wände des ausgangslosen Labyrinths am schwarzen Berg, deren Bedeutung man selbst vom Stuttgarter Schlossplatz im Tal noch ziemlich deutlich erkennt.

Kann man alles verschmerzen. "Am schwarzen Berg" zeigt, wie ein Gesellschaftsporträt geht, das zwischen überscharfem Realismus und schwarzer Romantik changiert. Man macht sogar seinen Frieden mit dem geheimnisvollen Stuttgart. Und fängt wieder an Mörike zu lesen: "Zwei schwarze Rösslein weiden / auf der Wiese / Sie kehren heim zur Stadt / in muntern Sprüngen / sie werden schrittweis gehen / mit deiner Leiche; / vielleicht, vielleicht noch eh / an ihren Hufen / das Eisen los wird / das ich blitzen seh."

Anna Katharina Hahn: Am schwarzen Berg. Suhrkamp, Berlin. 234 S., 19,95 Euro.