Künstlerporträts

Der Fotograf als Psychiater

Ist es Hochmut oder eher wirkliches Interesse am Gegenüber? "Ich wäre", sagte Arnold Newman einmal, "ein guter Psychiater." Für einen Fotografen erst einmal ein merkwürdiges Statement. Aber tatsächlich legte Newman seine "Klienten" buchstäblich auf die Couch.

Für Newman (1919-2006), einer der prägendsten US-Fotografen seiner Zeit, war ein Porträt nur gut, wenn es eine Art Biographie erzählte. Er lichtete nicht nur die Person ab, sondern recherchierte sorgfältig deren Umfeld, das Werk (egal, ob Malerei oder Musik), auch die geistige Fallhöhe bezog er atmosphärisch mit ein. So bekam er alle vor die Kamera, egal ob Politiker, Künstler oder Architekten. Marilyn Monroe, JFK, Allen Ginsberg, Norman Mailer, Leonard Bernstein, Henry Moore, Andy Warhol. Sie alle kann man in der über zwei Etagen reichenden Ausstellung "Masterclass" bei C/O zu Gesicht bekommen. Die Auflistung weiterer Namen würde diese Seite hier sprengen. Kurator William A. Ewing geht davon aus, dass der New Yorker an die 15 000 Porträts hinterlassen hat, ein immenses Werk, rund 100 000 Bilder, umfasst das gesamte Oeuvre. Erstmals zu sehen sind auch beschriftete Kontaktbögen, die sehr genau zeigen, wie Newman arbeitete. Monroe fotografierte er beispielsweise auf einer dunkeln Party, Rauch wabert, die Blondine wiegt sich im Tanz. Doch Newman wird am Ende aus dieser Szenerie nur ihr Gesicht herausnehmen und extrem vergrößern. Marilyn, reichlich melancholisch.

Kein Foto gleicht dem anderen, der Überraschungseffekt von Bild zu Bild ist groß. Zumal Newman mit der Collage und Montage experimentierte, Gesichter beispielsweise aus verschiedenen Bildern neu zusammensetzte - die so entstehenden Brüche und Perspektivwechsel, die interessierten ihn. Der Komponist Igor Strawinsky erscheint in seinem genialen Bildnis nur als linke Randfigur, übermächtig hebt sich der schwarze Flügel wie ein schräges Dach in den Vordergrund. Eine subtile Metaphorik in Form der geschlossenen Dreiecks-Komposition. Musik und Mensch gehören zusammen, aber: die Musik ist stärker als der Mensch, sie gibt den ideellen Überbau.

"Masterclass" ist dabei mehr als eine Retrospektive eines US-Fotografen. Wer durch die Ausstellung geht, die sich wandelnden Jahrzehnte durchschreitet, der betritt ein Archiv der Kultur, ein Stück europäisch-amerikanischer Kulturgeschichte wird hier transparent.

Zur Fotografie kam Newman, wie so oft, durch einen Zufall - und den Geldmangel seines Vaters. Eigentlich wollte er bildender Künstler werden, Malerei war sein Faible. Sein Verständnis für Farbigkeit, das ausbalancierte Verhältnis von Fläche, Symmetrie, all diese malerischen und zeichnerischen Elemente verblüffen immer wieder in den fotografischen Kompositionen.

Nach zwei Jahren in Miami musste er die Kunsthochschule verlassen, seinem Vater war das Geld ausgegangen und der Sohn musste ran. Er bekam einen Job in einem winzigen Fotostudio, dort konnte man Passbilder für 49 Cents machen lassen. Nein, ein Traumjob war das nicht, wenig kreativ, aber Newman lernte dennoch eine Menge. Wie man Licht präzise einsetzt, wie man mit Posen umgeht, vor allem aber lernte er, wie man in der Dunkelkammer zum besten Resultat kam. In der Lunch-Zeit schnappte er sich die Kamera, ging raus - mit der Street Photography also fing er an. Hier wird schon recht früh deutlich, dass die arrangierten, nüchternen Studioaufnahmen eines Richard Avedon oder Irving Penn nichts für ihn waren.

Anfang der 1940er Jahre eröffnet er seinen eigenen Laden in West Palm Beach, fängt mit seinen Künstlerporträts an. Verblüffend, wie er es schaffte, die geballte Künstler-Elite vor seine Kamera zu bugsieren. Allein in den Jahren 1941 bis 1946 fotografierte er Max Ernst, George Grosz, Marc Chagall, Piet Mondrian. Viele dieser Maler lebten im amerikanischen Exil. Dass er mit vielen dieser Künstler befreundet war, machte ihm die Sache leichter. Von hier war der Weg frei für Newmans Karriere - Magazine wie Harpers' Bazaar, Life und Look druckten bald seine Aufnahmen.

C/O, Postfuhramt Oranienburger Str. 35/36, Mitte. Bis 20. Mai. Tgl. 11-20 Uhr.