Dirigent Tugan Sokhiev

"Musik ist zuerst ein Gefühl"

Besonders glücklich verlief dieses Jahrtausend bislang nicht für das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO). Der geliebte Chefdirigent Kent Nagano verabschiedete sich schon nach sechs Jahren, weil ihm München und Montreal verlockender erschienen, sein ungeliebter Nachfolger Ingo Metzmacher knallte nach drei Spielzeiten den Taktstock hin.

Das Orchester stand, nun schon zum dritten Mal in seiner Geschichte, ohne Chef da. Doch das neuerliche Interregnum fiel erfreulich kurz aus. Bereits 2010 unterschrieb Tugan Sokhiev einen Vertrag, im September 2012 tritt er sein Amt als siebter Chefdirigent des DSO an.

Die Kür wirkte kühn. Sokhiev war 2010 noch ein Geheimtipp, sein Diskografie sehr übersichtlich, sein Profil nicht annähernd so geschärft wie das seiner Vorgänger. Zu moderner Musik, der eigentlichen Domäne des DSO, zieht es ihn selten. Andererseits ist Sokhiev trotz seiner Jugend extrem erfolgreich. Die Karriere des jetzt 34-jährigen Osseten verläuft explosionsartig und lässt sich nur mit dem Aufstieg des gleichaltrigen Andris Nelsons vergleichen. Sokhiev hat in jüngster Zeit die Philharmoniker in Wien und Berlin dirigiert sowie das Concertgebouw Amsterdam. Sein Erfolgsgeheimnis? "Ich weiß es nicht. Ich tue, was ich tun will. Ich liebe einfach Musik." Sokhiev muss sich nicht anpreisen, er betreibt keine eigene Homepage, die besten Orchester Europas wollen ihn haben. Auch so.

Keine Frage des Rankings

"Die besten, die besten, die besten", räsoniert Sokhiev, "wer ist damit gemeint? Die besten im Orchester-Ranking oder die besten für mich?" Gern arbeitet er mit Orchestern zusammen, sagt er, die nicht auf allerhöchstem Niveau spielen; auch das kann fantastische Freude und Erfahrungen bringen. Spitzenensembles zu dirigieren sei gar nicht so schwer, sofern es einem gelingt, die Musiker von den eigenen Ansichten zu überzeugen. Dort profitiert man von der Arbeit großer Vorgänger. Bei weniger bedeutenden Orchestern sind viele kleine Schritte erforderlich. "Jedes große Orchester hat einmal klein angefangen, selbst in Wien und Berlin und Chicago fiel der Klang nicht vom Himmel. Es ist unglaublich aufregend, daran mitzuwirken, wie sich ein Orchester formt."

Seit 2008 fungiert er als Musikdirektor des Nationalorchesters in Toulouse. Abgesehen von einer vorzeitig beendeten Zusammenarbeit mit der Welsh National Opera ist Berlin sein zweiter Chefposten. Trotz Toulouse und Berlin wird Tugan Sokhiev in Sankt Petersburg wohnen bleiben. Russlands zweitwichtigste Stadt ist seine zweite Heimatstadt. Dort studierte er Dirigieren bei dem legendären Ilja Musin. Seine Abende verbrachte er gleich gegenüber vom Konservatorium, im Mariinski-Theater bei Valeri Gergiev. Auf diese Art lernte er die Oper, bis dahin vorwiegend ein Schallplattenphänomen, von innen kennen.

Seine erste Opern-LP war Tschaikowskys "Pique Dame". Russlands großer Klassiker liegt ihm ohnehin am Herzen, man dürfe ihn nur nicht so sentimental präsentieren, sondern müsse sich genauso besonnen mit ihm auseinandersetzen wie mit Beethoven oder Mahler. Als Tschaikowsky-Dirigenten par excellence empfiehlt er, verblüffend selbst für Experten, den Holländer Willem Mengelberg. Selbst Karajans Interpretationen lässt er gelten.

Oper und Konzert hält Sokhiev heute im Gleichgewicht, weil er beide Musikgattungen gleichermaßen liebt. Seine Termine plant er sehr genau, er achtet darauf, sich nicht zu verzetteln. "Ich kann nicht wie manche meiner Kollegen von einem Flugzeug zum nächsten rennen, sondern ich brauche Zeit für mich. Deshalb versuche ich, meine Schritte so vorsichtig wie möglich zu machen - manchmal gelingt es sogar."

Eloquent, fast schon smart

Tugan Sokhiev lacht gern, er besitzt ein gesundes, niemals aufdringliches Selbstbewusstsein, auch eine gewisse Selbstironie, im Gespräch wirkt er eloquent und fast schon smart. Er hat schnell die Unternehmensphilosophie von Orchesterdirektor Alexander Steinbeis verinnerlicht, hat verstanden, dass es in Berlin nicht mit dem Standard-Repertoire oder einem russischen Schwerpunkt getan ist. "Das DSO besitzt eine spezifische Tradition, ein eigenes Image. Daran müssen wir weiterarbeiten. Unser Publikum erwartet Ungewöhnliches von uns, nicht nur von der Musik, sondern auch von der Art ihrer Präsentation. Diese wunderbare Energie zwischen Orchester und Publikum gilt es zu bewahren."

Zeitgenössische Musik steht, soviel dürfte heute schon klar sein, nicht im Zentrum dieser Projekte. Sokhiev hat keine Probleme mit Schnittke, Gubaidulina oder Elena Firsova, deren Musik er oft dirigiert, und er sucht auch nach jungen Komponisten, die zu fördern sich lohnt; aber wenn moderne Partituren nur aus Notenbergen und permanenten Wechselrhythmen bestehen, möchte er sich mit ihnen lieber nicht beschäftigen. Der Klang, so Sokhiev, erschließt sich allein über das Ohr, und über dieses Sinnesorgan wird unmittelbar unser Gefühlsleben affiziert. "Musik als Kunstform kann nicht intellektuell sein, sie ist ein Gefühl." Wenn man ihn wegen dieser Auffassung als emotionalen Dirigenten bezeichnet, bitteschön! "Auch Bernstein war sehr emotional, dennoch hat ihm bisher niemand den Intellekt abgesprochen."

Sokhievs Emotionalität auf dem Podium ist bestens abgefedert durch seine Professionalität. Kleine und große Orchester fühlen sich bei ihm in sicheren Händen. Die Sicherheit, die er ausstrahlt, verdankt er seiner Technik und die Technik wiederum seiner Ausbildung in Sankt Petersburg. Auf die Formel 'emotionaler Technokrat' lässt er sich indes nicht reduzieren. Tugan Sokhiev besitzt eine Ruhe, die ihn trägt und die uns noch einige Überraschungen bereiten kann. Er gehört nicht zum urbanen Typus. Zwar stehen seine Gedanken nie still, sagt er, aber seine Füße genauso wenig. Aufgewachsen in den Bergen Nord-Ossetiens, ist Wandern bis heute seine große Leidenschaft. "Berge, Felder und Wälder sind für mich Quellen der Inspiration. In einem Wald zu stehen und nur ein paar Vögel singen zu hören, sonst nichts - das ist der göttliche Augenblick schlechthin."