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Der Berlin Verlag soll jetzt schwedisch werden

Es ist nicht einmal ein Jahr her, da lud der Bloomsbury Verlag, eines der großen unter den unabhängigen Verlagshäusern der Welt, deutsche Literaturkritiker zur Londoner Buchmesse ein. Man dinierte im exklusiv-lässigen Chelsea Arts Club und lauschte im gediegenen Domizil am Soho Square den Anekdoten des Verlagsgründers Nigel Newton.

Das war eine Charmeoffensive erster Güte: Denn gerade hatte die Bekanntgabe einer neuen, global ausgerichteten Unternehmensstrategie in der deutschen Buchbranche für Wirbel gesorgt. Elisabeth Ruge, die erfahrene Chefin und Mitgründerin des zu Bloomsbury gehörenden Berlin Verlags, hatte im Streit den Hut genommen.

Man befürchtete, nun würde das eigenständige, manchmal auch kantige literarische Profil des Verlags (mit Autoren wie Ingo Schulze, Elfriede Jelinek, Zeruya Shalev oder Péter Esterházy) geschliffen zugunsten eines für den primär angloamerikanischen Weltmarkt konzipierten Einheitsprogramms. Nein, nein, so Newton damals, es sei geradezu unvermeidlich, dass die Berliner Dependance - zu der auch das Unterhaltungssegment Bloomsbury Berlin, eine renommierte Kinder- und Jugendbuch-Sparte und neuerdings auch ein eigenes Taschenbuch gehören - auch zukünftig ganz eigenständig agiere. Denn der deutschsprachige Markt funktioniere nach eigenen Gesetzen, und auch die Geschmäcker der Leser seien komplett unterschiedlich.

Zu unterschiedlich, so scheint es. Denn jetzt soll der Berlin Verlag mit allem Drum und Dran an den schwedischen Medienkonzern Bonnier verkauft werden, zu dem in Deutschland unter anderem der erfolgreiche Münchner Piper Verlag (mit Autoren wie Charlotte Roche, Ferdinand von Schirach oder Arne Dahl), aber auch der Kinderbuchverlag Carlsen ("Harry Potter") gehören. Geplant sei eine "strategische Partnerschaft" zwischen Piper und Berlin, so jedenfalls ein Sprecher des Münchner Verlages; das Kartellamt muss dem Deal aber erst noch zustimmen.

Offenbar hat man in London die Probleme der Anpassung des - vergleichsweise - konservativen deutschen Buchmarkts an globale und zentral geplante Marketingstrategien immer noch unterschätzt. Vielleicht ist auch die recht geringe E-Book-Begeisterung hierzulande ein Grund, dass man in London die Kräfte lieber ganz auf den englischsprachigen Weltmarkt konzentriert: 2011 wurde ein Ableger in Sydney eröffnet; der riesige indische Markt ist das nächste Ziel.

Den Schweden ist der deutsche Sonderweg anscheinend weniger suspekt. Was man genau vorhat, ist aber noch unklar. Kontraproduktiv wäre es, der ehrgeizigen Mannschaft um Ruge-Nachfolgerin Birgit Schmitz die Eigenständigkeit zu entziehen. Für Leser könnte der abermalige Eigentümerwechsel des Hauses an der Greifswalder Straße also am Ende eine gute Nachricht sein: Denn seinen Platz in der umkämpften Verlagslandschaft hat "Berlin" nur mit einer unverwechselbaren Handschrift, nicht als Hauptstadtfiliale für englische oder schwedische Stapelware.