Kultur

Die Operette will ins Theater Karlshorst

Sie kämpft seit Jahrzehnten für die Operette. Möglicherweise ist das erblich bedingt. Denn Marguerite Kollo stammt aus einer Familie, die dieses Genre mitgeprägt hat. Ihr Großvater Walter komponierte mehr als 40 Operetten, ihr Vater Willi schuf viele Evergreens, ihr Bruder René ist Opernsänger und war der letzte Intendant des Metropol-Theaters an der Friedrichstraße.

Als die privatisierte Bühne aus finanziellen Gründen abgewickelt werden musste (was dem Senat damals sehr recht war), verschwand in den 90er Jahren auch die große Operetten-Spielstätte in Berlin.

Marguerite Kollo hat damals gegen die Schießung demonstriert und die Hoffnung nie aufgegeben, dass dieses scheinbar vom Aussterben bedrohte Genre selbst gegen das Musical bestehen kann. "Leider wurde diese melodienreiche, witzige, tänzerische Bühnenkultur in den vergangenen Jahrzehnten künstlerisch und vom optischen Niveau her sehr vernachlässigt, weshalb man davon ausging, dass das Musical der Operette den Rang abgelaufen hätte", sagt Marguerite Kollo. Sie ist Vorstandsvorsitzende der von ihr mitbegründeten "Europäischen Stiftung zur Pflege und Erneuerung der Operette", kümmert sich um das musikalische Erbe der Familie und hat einen neuen Standort für eine Berliner Operettenbühne gefunden: das Theater Karlshorst. Das steht leer. Und ein Betreiber wird ebenfalls gesucht.

Es könnte also alles ganz einfach sein. Ist es aber nicht. Nicht, weil Karlshorst im Bewusstsein vieler Berliner irgendwo am Rande Sibiriens liegt. Marguerite Kollo ist davon überzeugt, dass das Publikum für Operettenaufführungen, die es selten in Berlin zu sehen gibt und wenn, dann "ungeliebt entstellt wie an der Komischen Oper oder der Staatsoper", auch in den Südosten der Hauptstadt fahren würde. Zumal es dort in der Nähe des Theaters einen S-Bahnhof gibt und gastronomische Angebote. Sie könnte sich auch vorstellen, dass eine Art Shuttle vom S-Bahnhof Friedrichstraße eingerichtet wird, um beispielsweise Touristen als Zuschauer zu gewinnen.

Aber das ist Schnee von morgen. Denn Marguerite Kollo möchte nicht nur das 1948/49 von den Sowjets im Stil des stalinistischen Neoklassizismus errichtete Theater mit seinen gut 600 Plätzen wieder bespielen, sondern in dem Gebäude zudem eine Akademie einrichten. Um gewissermaßen den Nachwuchs für die Operette selbst zu generieren. Das macht durchaus Sinn, hat die Howoge aber nicht überzeugt. Dieser städtischen Wohnungsbaugesellschaft gehört das denkmalgeschützte Theater. Sie hat es teilweise saniert, von außen sieht es prächtig aus, aber Saal und Bühne sind in einem Zustand, der derzeit keine Bespielung zulässt. Dafür aber gibt es seit 2009 einen solventen Mieter: Die bezirkliche Musikschule nutzt rund 40 Räume in dem Theatergebäude.

Und das ist ein Knackpunkt. Denn Kollos Konzept funktioniert nur, wenn sie das Gebäude komplett nutzen kann. Aus ihrer Sicht müsste deshalb die Musikschule wieder ausziehen. Das aber lehnt Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD) ab: "Die Musikschule ist keine Verschiebemasse, außerdem läuft der Mietvertrag über 30 Jahre", sagte er gegenüber der Berliner Morgenpost.

Zweiter Knackpunkt ist die finanzielle Tragfähigkeit des Konzepts. Frau Kollo möchte nicht allzu sehr ins Detail gehen, hat aber eine Art Wirtschaftsplan erstellt. Wie tragfähig der ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Während die Howoge eigentlich generell zu diesem Thema nichts sagen möchte, funktioniert das Kollo-Konzept aus Sicht des Bezirks nur mit einer Dauersubventionierung. Der Bezirk aber könne kein Theater betreiben, betonte Geisel, aber zumindest im Rahmen der Wirtschaftsförderung eine Art Anschubfinanzierung geben. Denn es sei schwierig, einen Betreiber für die Bühne zu finden.

Auch die Senatskulturverwaltung sieht aus "finanziellen Gründen kaum Realisierungschancen" für ein Operettentheater in Karlshorst, wie Sprecher Torsten Wöhlert sagte. Marguerite Kollo will sich davon nicht entmutigen lassen. Sie kämpft weiter für die Operette - und die Wiederbelebung eines denkmalgeschützten Theaters.

"Leider wurde das Genre Operette in den vergangenen Jahrzehnten künstlerisch sehr vernachlässigt"

Marguerite Kollo, Musikverlegerin und Enkelin von Walter Kollo